{"id":10727,"date":"2024-03-19T06:00:46","date_gmt":"2024-03-19T05:00:46","guid":{"rendered":"https:\/\/www.progress-foundation.ch\/?p=10727"},"modified":"2024-03-07T16:29:37","modified_gmt":"2024-03-07T15:29:37","slug":"der-liberalismus-ist-eine-zumutung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2024\/03\/19\/der-liberalismus-ist-eine-zumutung\/","title":{"rendered":"Der Liberalismus ist eine Zumutung"},"content":{"rendered":"<p><strong style=\"font-size:125%\">Der Liberalismus mutet den Menschen viel zu. Das Leben in Freiheit ist unbequem und anstrengend, gepr\u00e4gt von Unsicherheit und Ungleichheit. Die liberale Gesellschaft verspricht kein Schlaraffenland, ist aber gerade deshalb menschengerecht.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gerhard Schwarz, Nzz.ch, 05.03.2024<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_10728\" aria-describedby=\"caption-attachment-10728\" style=\"width: 1920px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash.jpg\" alt=\"\" width=\"1920\" height=\"1280\" class=\"size-full wp-image-10728\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash.jpg 1920w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash-300x200.jpg 300w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash-768x512.jpg 768w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2024\/03\/gr-stocks-Iq9SaJezkOE-unsplash-930x620.jpg 930w\" sizes=\"(max-width: 1920px) 100vw, 1920px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10728\" class=\"wp-caption-text\">Sich im Wettbewerb mit anderen behaupten zu m\u00fcssen, ist nicht immer angenehm.<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Titel dieser Kolumne wird Kritikern des Liberalismus gefallen. Sie diskreditieren fast jede liberale Idee als unzumutbar. So ist der Titel aber gerade nicht gemeint. Er beruht auf der \u00dcberzeugung, dass eine freie Ordnung den Menschen zwar viel Unbequemes zumutet, diese Zumutungen aber nicht unzumutbar sind. Sie sind realistisch und insofern menschengerecht.<\/p>\n<p>Die liberale Gesellschaft ist und verspricht kein Schlaraffenland. Deshalb haben freiheitliche L\u00f6sungen einen schweren Stand. Utopismus verkauft sich besser als Realismus.<\/p>\n<h2>Konsum heute, Bezahlung morgen<\/h2>\n<p>Eine erste Zumutung besteht darin, dass der Liberalismus neben den Zw\u00e4ngen der Natur auch jene der Knappheit nicht als Einengungen der Freiheit versteht, sondern als Rahmenbedingungen jeder freien Ordnung. Zu ihnen z\u00e4hlt, dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt, dass die Realisierung eines Vorhabens den Verzicht auf andere Projekte verlangt, dass daher viele Anspr\u00fcche nicht erf\u00fcllt werden k\u00f6nnen und dass \u00abKonsum oder Investition heute, Bezahlung morgen\u00bb einen Preis in Form des Zinses hat.<\/p>\n<p>Eine zweite Zumutung ist, dass Freiheit immer mit Ungleichheit der Ergebnisse einhergeht. Die Freiheit er\u00f6ffnet M\u00f6glichkeiten. Was aus ihnen wird, h\u00e4ngt von Einsatz, Geschick, Zuverl\u00e4ssigkeit, Pr\u00e4zision, Innovation und Zufall ab. Die Ausgangsbasis kann f\u00fcr alle noch so gleich sein, in einer freien Gesellschaft wird es schon am Tag danach wieder Unterschiede geben.<\/p>\n<h2>Gegen Besitzstandwahrung<\/h2>\n<p>Daher fordert der Liberalismus nicht Ergebnisgleichheit, sondern Regelgerechtigkeit. Gleichzeitig stellt er sich gegen Strukturerhaltung und Besitzstandwahrung. Das Erreichte soll jeder und jede durch weitere Leistung sichern, nicht der Staat.<\/p>\n<p>Eine dritte Zumutung, die Eigenverantwortung, bedeutet, dass man f\u00fcr sein Leben allein die Verantwortung tr\u00e4gt und nicht vom Staat Leistungen fordern kann, die das Leben angenehmer machen. Das ist anstrengend, stellt indessen keine Absage an eine kluge Sozialpolitik dar.<\/p>\n<p>Diese muss maximale Eigenleistung fordern und darf die soziale Hilfe nur subsidi\u00e4r anbieten. Eigenverantwortung \u00e4ussert sich ferner darin, dass man den Menschen nicht in paternalistischem Eifer die Qual abnimmt, die ihnen die Vielfalt des Angebots bereitet. Und auch das Sich-Behaupten im Wettbewerb ist eine Art Eigenverantwortung.<\/p>\n<h2>Urvertrauen in spontane Prozesse<\/h2>\n<p>Eine vierte, letzte Zumutung liegt in der Unvorhersehbarkeit liberaler Ordnungen. Sie zeichnen sich aus durch Ergebnisoffenheit, das dezentrale Eingehen von Risiken, das Wechselspiel von Versuch und Irrtum, das Zulassen von Auf- und Abstieg sowie Gelassenheit gegen\u00fcber den Schwankungen der Wirtschaft. Zugrunde liegt dem ein Urvertrauen in das Ergebnis spontaner Prozesse. Doch die Menschen suchen Sicherheit. Das bietet der Liberalismus nicht \u2013 nicht weil er nicht will, sondern weil die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass dies nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Wirtschaft und Gesellschaft sind nur beschr\u00e4nkt steuerbar. Das macht den Liberalismus trotz seinen Erfolgen f\u00fcr Wohlstand und Fortschritt zu einem sperrigen Produkt. Das Leben in Freiheit ist kein Honigschlecken \u2013 aber es gibt zumindest auf dieser Welt trotz all den Zumutungen keine bessere Alternative.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\nGerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Pr\u00e4sident der Progress Foundation.\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Liberalismus mutet den Menschen viel zu. Das Leben in Freiheit ist unbequem und anstrengend, gepr\u00e4gt von Unsicherheit und Ungleichheit. Die liberale Gesellschaft verspricht kein Schlaraffenland, ist aber gerade deshalb menschengerecht. Gerhard Schwarz, Nzz.ch, 05.03.2024 &nbsp; Der Titel dieser Kolumne wird Kritikern des Liberalismus gefallen. Sie diskreditieren fast jede liberale Idee als unzumutbar. 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