{"id":1176,"date":"2018-02-01T22:30:54","date_gmt":"2018-02-01T21:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=1176"},"modified":"2021-07-13T00:32:59","modified_gmt":"2021-07-12T22:32:59","slug":"die-libertaere-utopie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2018\/02\/01\/die-libertaere-utopie\/","title":{"rendered":"Die libert\u00e4re Utopie"},"content":{"rendered":"<p>Die Begriffe &#8220;neoliberal&#8221; oder &#8220;libert\u00e4r&#8221; sind heutzutage negativ besetzt &#8211; in manchen Kreisen sogar Schimpfw\u00f6rter. Libert\u00e4re versuchen philosophisch konsequent zu denken, was ihnen aber regelm\u00e4ssig den Vorwurf einbringt, &#8220;radikal&#8221; zu sein. Deswegen sollte man diese politische Ideologie aber nicht verteufeln. <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/gerhard-schwarz\/\">Gerhard Schwarz<\/a> erkl\u00e4rt in seiner NZZ-Kolumne, warum man trotzdem von den Libert\u00e4ren lernen kann.<\/p>\n<p>Lesen Sie die Kolumne <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/meinung\/kolumnen\/die-libertaere-utopie-ld.1349422\">hier<\/a> auf der NZZ-Website.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p><strong>KOLUMNE<\/strong><\/p>\n<h3>Die libert\u00e4re Utopie<\/h3>\n<p><strong>Die Libert\u00e4ren sind \u2013 wegen ihrer analytischen Konsistenz und schl\u00fcssigen Logik \u2013 leider fast durchgehend erschreckend intolerant gegen\u00fcber anderen Ideen, nicht zuletzt jenen ihrer liberalen Verb\u00fcndeten. Trotzdem sollte man den Libertarismus nicht verteufeln.<\/strong><\/p>\n<p>Seit Jahrzehnten wird von linken Ideologen \u2013 die diese Charakterisierung nat\u00fcrlich weit von sich weisen w\u00fcrden \u2013 gegen den \u00abNeoliberalismus\u00bb gegeifert. Der Ausdruck wird inzwischen fast gedankenlos f\u00fcr einen radikalen, \u00fcbertriebenen Liberalismus und Marktfundamentalismus verwendet. Dabei meinte er urspr\u00fcnglich, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, das pure Gegenteil, n\u00e4mlich einen gem\u00e4ssigten Liberalismus. Im Gegensatz zum Pal\u00e4oliberalismus mit seinem Laissez-faire pl\u00e4dierten die Neoliberalen f\u00fcr einen zwar schlanken, aber starken Staat, f\u00fcr eine existenzsichernde Sozialpolitik und f\u00fcr eine Wettbewerbspolitik. Ein Resultat dieser Weltanschauung war der Aufschwung Europas nach dem Krieg, ganz besonders das \u00abWirtschaftswunder\u00bb in Deutschland.<\/p>\n<p>Als neues Feindbild haben die Staatsgl\u00e4ubigen nun die \u00abLibert\u00e4ren\u00bb entdeckt. Der Ausdruck wird in den USA seit den 1950er Jahren verwendet, als dort im Nachgang zu Franklin D. Roosevelts New Deal \u00abliberal\u00bb zunehmend f\u00fcr \u00absozialdemokratisch\u00bb oder sogar \u00absozialistisch\u00bb stand. Anh\u00e4nger einer auf Selbstverantwortung und freien Vertr\u00e4gen basierenden Gesellschaft mussten sich daher als klassisch Liberale oder Liberale im europ\u00e4ischen Sinne bezeichnen \u2013 oder als Libert\u00e4re. Libert\u00e4re haben eine radikale Sicht von Wirtschaft und Gesellschaft. Sie basiert auf der Philosophie von John Locke und der Idee des Selbsteigentums, des Eigentums am eigenen K\u00f6rper, das es unbedingt zu sch\u00fctzen gelte. Daraus folgen die Bejahung der Marktwirtschaft sowie eine v\u00f6llig \u00abgesellschaftsliberale\u00bb Haltung.<\/p>\n<p>Weil staatliche Eingriffe, vor allem Steuern, immer dieses Privateigentum tangieren, leitet sich daraus eine minarchistische oder sogar anarchistische Sicht des Staates ab. Zu den S\u00e4ulenheiligen der Libert\u00e4ren z\u00e4hlen vor allem die bedeutenden Vertreter der \u00f6sterreichischen Schule der National\u00f6konomie Ludwig von Mises und Murray Rothbard. Der grosse Sozialphilosoph Friedrich von Hayek, den viele libert\u00e4re Gruppierungen in ihrem Namen f\u00fchren, ist ihnen dagegen meist zu staatsgl\u00e4ubig. So erinnere ich mich an eine Tagung nach dem Tod Hayeks, an der dieser von einem prominenten Libert\u00e4ren als Sozialist beschimpft wurde, weil er in seinem Opus magnum \u00abDie Verfassung der Freiheit\u00bb Bauordnungen oder Systeme sozialer Mindestsicherung gutheisst.<\/p>\n<p>Robert Musil schreibt im \u00abMann ohne Eigenschaften\u00bb, heutzutage wagten es nur Verbrecher, andere Menschen ohne philosophische Grundlage zu sch\u00e4digen. Libert\u00e4re sehen nicht zuletzt im Begriff der \u00f6ffentlichen G\u00fcter und des \u00abservice public\u00bb eine philosophische Schutzbehauptung, hinter der sich das Leben auf Kosten anderer gut verstecken l\u00e4sst. Deshalb streben sie nach einer Gesellschaft vollkommener Freiwilligkeit, umfassender Kostentransparenz und entsprechender Benutzerfinanzierung, ob bei Universit\u00e4ten, im Verkehr, beim Medienkonsum oder in der Kultur. Das ist aus liberaler Sicht zwar konsequent, zugleich aber meist ziemlich utopisch. Zudem sind die Libert\u00e4ren \u2013 wegen ihrer analytischen Konsistenz und schl\u00fcssigen Logik \u2013 leider fast durchgehend erschreckend intolerant oder zumindest wenig kompromisswillig gegen\u00fcber anderen Ideen, nicht zuletzt jenen ihrer liberalen Verb\u00fcndeten. Trotzdem sollte man den Libertarismus nicht verteufeln. Er taugt als Benchmark, um zu sehen, wie weit weg man sich in der Politik vom Ideal entfernt, und er ist ein anregender intellektueller Stachel im Gedankengut des Liberalismus \u2013 nicht mehr, aber auch nicht weniger.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Begriffe &#8220;neoliberal&#8221; oder &#8220;libert\u00e4r&#8221; sind heutzutage negativ besetzt &#8211; in manchen Kreisen sogar Schimpfw\u00f6rter. Libert\u00e4re versuchen philosophisch konsequent zu denken, was ihnen aber regelm\u00e4ssig den Vorwurf einbringt, &#8220;radikal&#8221; zu sein. Deswegen sollte man diese politische Ideologie aber nicht verteufeln. 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