{"id":1324,"date":"2004-09-11T22:11:05","date_gmt":"2004-09-11T20:11:05","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=1324"},"modified":"2021-07-06T13:04:58","modified_gmt":"2021-07-06T11:04:58","slug":"recht-auf-sezession","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2004\/09\/11\/recht-auf-sezession\/","title":{"rendered":"Recht auf Sezession"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 \u00d6KONOMISCHE LITERATUR &#8211; Samstag\/Sonntag, 11.\/12. September 2004, Nr. 212, Seite 87)                              <\/p>\n<h2>Austrittsgedanken f\u00f6rdern innere Freiheit<\/h2>\n<p><em><a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/beat-gygi\/\">Gy.<\/a><\/em> Beim ersten Blick kann der Eindruck entstehen, Hauptthema des Buches sei das Sprengen von Strukturen, das Zerst\u00f6ren von Staaten, Organisationen oder Gemeinschaften. Die von den beiden \u00d6konomen J\u00fcrgen Backhaus und Detmar Doering unter dem Titel \u00abThe Political Economy of Secession\u00bb herausgegebene Sammlung von zehn klassischen und modernen Texten aus Philosophie, Politik und \u00d6konomie mutet eigenwillig an. Aus verschiedenen Perspektiven werden Ausstieg, Abspaltung oder Ausbruchsversuche beleuchtet. Wiederholt ist \u2013 auch aus naturrechtlicher Sicht \u2013 vom Recht auf Sezession die Rede.    <\/p>\n<p><strong>Aufbauend, nicht zerst\u00f6rerisch<\/strong>    <\/p>\n<p>Auf den zweiten Blick zeigt sich jedoch, dass keineswegs das Zerst\u00f6rerische im Vordergrund steht, im Gegenteil, es geht um die Suche nach sinnvollen Spielregeln, die stabile und friedliche Beziehungen versprechen, dabei aber die Freiheit des einzelnen Menschen nicht zu stark einengen. Eine Verfassung, die dem Recht zum Austritt Rechnung tragen muss, wird naturgem\u00e4ss liberaler ausfallen als ein Vertrag, aus dem es kein Entrinnen gibt. Wenn es ein Recht auf Sezession gibt, wird die tonangebende Mehrheit eher bem\u00fcht sein, Minderheiten anst\u00e4ndig zu behandeln, denn wer sich von einer Gruppe, einem Kollektiv, einem Staat zu stark vereinnahmt oder ausgen\u00fctzt f\u00fchlt, kann \u00abweggehen\u00bb. Herbert Spencers (1820\u20131903) Text steht unter dem Titel \u00abThe right to ignore the state\u00bb, und im Beitrag \u00abLiberal foreign policy\u00bb von Ludwig von Mises (1881\u20131973) wird skizziert, dass sich individuelle Freiheit, freie M\u00e4rkte, internationale Arbeitsteilung und friedliche Ordnung schlecht mit nationalistischen Staaten und deren territorialen Anspr\u00fcchen vertragen.    <\/p>\n<p>Mit Blick auf den Staatsaufbau kann das Recht auf Sezession zu Regeln f\u00fchren, die den unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Verbundes mehr Freiheit lassen. F\u00f6deralismus, Subsidiarit\u00e4t und Freiwilligkeit pr\u00e4gen solche L\u00f6sungen, sie stehen allerdings immer in Gefahr, durch den Zentralismus erw\u00fcrgt zu werden. Im Text von Jefferson Davis (1808\u20131889), dem ersten und einzigen Pr\u00e4sidenten der konf\u00f6derierten Staaten von Amerika, wird unter dem Titel \u00abThe rise and fall of confederate government\u00bb die Spannung zwischen Austrittsm\u00f6glichkeit und Unterdr\u00fcckung dargelegt. Und im gleichen Zusammenhang skizziert James M. Buchanan, \u00d6konomie-Nobelpreistr\u00e4ger 1986, in seinem Aufsatz die Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika.    <\/p>\n<p><strong>Zentralismus in Amerika und Europa<\/strong>    <\/p>\n<p>In der ersten Phase entsprach die amerikanische Verfassung seiner Ansicht nach einem freiwilligen Vertrag zwischen Partnern. Ein Recht auf Austritt war zwar nicht explizit formuliert, die Gr\u00fcnder hielten ein solches aber f\u00fcr selbstverst\u00e4ndlich. Wichtiges Ziel der Verfassung war die Garantie freier M\u00e4rkte innerhalb des expandierenden Amerika. Mit Blick auf die Aussenbeziehungen gingen die Interessen des protektionistischen Nordens und des auf Freihandel bedachten S\u00fcdens (und Westens) mit der Zeit zu stark auseinander. Der F\u00fchrertyp Abraham Lincoln wollte die Union erhalten und nahm lieber die Unterdr\u00fcckung einer Sezession, also den Freiheitsverlust, in Kauf, als dass er unzufriedene Staaten h\u00e4tte ziehen lassen. So wurde im B\u00fcrgerkrieg der S\u00fcden unterjocht, zugleich wurde auf alle Zeiten jegliche Austritts-Option der Gliedstaaten eliminiert; der Weg war frei f\u00fcr einen wachsenden Zentralstaat. Nach Buchanans Ansicht \u2013 die Herausgeber betonen diesen Gesichtspunkt ebenfalls \u2013 sollte man sich heute in Debatten \u00fcber die EUVerfassung vor Augen halten, welch zentrale Bedeutung ein explizit formuliertes Sezessionsrecht als Mittel gegen den Zentralismus haben kann.   <\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<span style=\"font-size:80%\">J\u00fcrgen G. Backhaus and Detmar Doering (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/publikationen\/buecher\/the-political-economy-of-secession\/\">The Political Economy of Secession<\/a> \u2013 A Source Book. Progress Foundation. Neue Z\u00fcrcher Zeitung Publishing, Z\u00fcrich 2004. 299 S.<\/span><\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/nzz_20040911_s87.pdf\">NZZ 11.\/12. September 2004, Seite 87<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 \u00d6KONOMISCHE LITERATUR &#8211; Samstag\/Sonntag, 11.\/12. 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