{"id":2032,"date":"2014-06-02T20:50:22","date_gmt":"2014-06-02T18:50:22","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=2032"},"modified":"2021-07-11T22:50:20","modified_gmt":"2021-07-11T20:50:20","slug":"der-saekulare-staat-religioeser-pluralismus-und-liberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2014\/06\/02\/der-saekulare-staat-religioeser-pluralismus-und-liberalismus\/","title":{"rendered":"Der s\u00e4kulare Staat, religi\u00f6ser Pluralismus und Liberalismus"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/jose-casanova\/\">Jos\u00e9 Casanova<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/veranstaltungen\/economic-conferences-und-andere-anlaesse\/religion-liberalitaet-und-rechtsstaat\/\">38. Economic Conference<\/a><\/p>\n<div class=\"referat\">\nProgress Foundation \u2013 38th Economic Conference, 02.06.2014<br \/>\n<strong>Der s\u00e4kulare Staat, religi\u00f6ser Pluralismus und Liberalismus<\/strong><br \/>\nProf. Dr. Jos\u00e9 Casanova\n<\/div>\n<p>Unser globales Zeitalter wurde vom bekannten katholischen Philosophen, Charles Taylor, aus Kanada zu Recht als Ein s\u00e4kulares Zeitalter bezeichnet. Aber \u201es\u00e4kular\u201c bedeutet in diesem Zusammenhang nicht ohne oder \u201enach der\u201c Religion, sondern beschreibt einen Zustand zunehmender Pluralisierung religi\u00f6ser und nicht-religi\u00f6ser M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n<p>Der erste und wichtigste Grundsatz des neuen globalen s\u00e4kularen Zeitalters ist die Aner- kennung der Religionsfreiheit als unabdingbares pers\u00f6nliches Recht, das auf der heiligen W\u00fcrde jedes Menschen beruht. Glaubensbekenntnisse oder Dogmen haben keine Rechte. Rechte haben nur Menschen. Menschen haben das Recht und die Aufgabe, ihrem Gewissen frei und ohne Zwang zu folgen. Die Wahrheit kann nicht aufgezwungen, sondern muss freiwillig angenommen werden. Entsprechend besitzen weder die Wahrheit noch der Irrtum automatisch Rechte und das ist das fundamental Neue am neuen s\u00e4kularen Zustand. Menschen haben das Recht und die Pflicht, frei von Zwang die Wahrheit zu suchen und nach Gl\u00fcck zu streben und dabei ihrem Gewissen zu folgen.<\/p>\n<p>Der zweite Grundsatz des neuen s\u00e4kularen Zustands ist institutioneller Natur, namentlich der Grundsatz eines neu definierten s\u00e4kularen Staates. Der moderne Staat sollte s\u00e4kular sein, allerdings nicht im laizistischen oder s\u00e4kularistischen Sinn, bei dem die Religion kritisch negativ betrachtet wird und der Staat f\u00fcr sich das Recht in Anspruch nimmt, die Religion zu reglementieren und sie durch Ausschluss vom \u00f6ffentlichen Raum in Schranken zu halten. Vielmehr sollte der Staat aus Respekt vor der Religionsfreiheit jedes einzelnen B\u00fcrgers s\u00e4kular sein. Dabei ist er verpflichtet, im Namen der Religionsgleichheit gegen\u00fcber allen Religionen eine gewisse neutrale Distanz zu wahren. Diese zeichnet sich nicht durch Relativismus aus, sondern durch das Prinzip des gleichwertigen Respekts gegen\u00fcber allen religi\u00f6sen und nicht-religi\u00f6sen Weltanschauungen. Der s\u00e4kulare Staat soll in Religionsangelegenheiten zwar nicht eine vollst\u00e4ndig agnostische Haltung einnehmen, muss sich aber als theologisch nicht kompetent betrachten, wenn es um die Vermittlung bei Religionsstreitigkeiten oder bei Fragen der Glaubenswahrheit geht. Er soll seine Rolle als H\u00fcter der Orthodoxie und der wahren Religion aufgeben und gleichzeitig die Heterodoxie verbieten. Seine Aufgabe besteht im Wesentlichen darin, religi\u00f6se Minderheiten vor der diskriminierenden Herrschaft der Mehrheit zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das dritte Grundprinzip des neuen s\u00e4kularen Zustands ist die Anerkennung eines funda- mentalen soziologischen Faktums unseres globalen Zeitalters \u2013 n\u00e4mlich, dass die globale Menschheit von einer unumst\u00f6sslichen religi\u00f6sen und kulturellen Pluralit\u00e4t gekennzeichnet ist. Diese Einsicht f\u00fchrt wiederum zur Anerkennung, dass religi\u00f6ser Pluralismus keine negative Tatsache ist, die korrigiert und behoben werden muss, sondern ein positives Prinzip, das alle Religionsgemeinschaften zu gegenseitiger Achtung und Anerkennung \u2013 und letztlich zum interreligi\u00f6sen Dialog \u2013 auffordert.<\/p>\n<p>Der Grundsatz der pers\u00f6nlichen Religionsfreiheit, das Prinzip eines s\u00e4kularen Staates, der die Religionsfreiheit sch\u00fctzt, und die Anerkennung religi\u00f6ser Pluralit\u00e4t als positiver Ausdruck globalen menschlichen Daseins sind die drei Eckpfeiler des globalen s\u00e4kularen Zeitalters und markieren eine bedeutende Abkehr von der bis dahin vorherrschenden religi\u00f6sen \u201eHaushaltung\u201c sowie vom vorherrschenden europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndnis s\u00e4kularer Moderne. Im christlichen Westen gr\u00fcndete die christlich-religi\u00f6se Haushaltung, zumindest seit der konstantinischen und theodosianischen Ernennung des Christentums zur offiziellen Religion des Kaiserreichs, auf der fundamentalen dogmatischen Unterscheidung zwischen \u201ewahr\u201c und \u201efalsch\u201c. Laut Jan Assman ist dies die schicksalshafte \u201emosaische\u201c Unterscheidung, die in der Geschichte der Menschheit erstmals durch den Monotheismus eingef\u00fchrt wurde. Diese Unterscheidung wird von allen drei abrahamitischen Religionen, dem Judentum, dem Christentum und dem Islam gemacht.<\/p>\n<p>Im lateinischen Westen war es der Heilige Augustinus, der das unverg\u00e4ngliche theologische Fundament der christlichen Haushaltung begr\u00fcndete, die das monotheistische und monopolistische religi\u00f6se System des Christentums bis zum modernen s\u00e4kularen Zeitalter bestimmte. Die Denklehre der \u201emosaischen\u201c Unterscheidung zwischen einer wahren und einer falschen Religion wurde in den politischen Grundsatz \u00fcbertragen, dass \u201eIrrtum\u201c keine Rechte besitzt. Lediglich die Wahrheit besitzt Rechte, einschliesslich des Rechts, von den geistlichen und welt- lichen M\u00e4chten gleichermassen aufgezwungen zu werden.<\/p>\n<p>Diese Denklehre wurde denn auch in den Grundsatz des Westf\u00e4lischen Systems Cuius regio ejus religio (lateinisch f\u00fcr: wessen das Land, dessen (ist) die Religion) \u00fcbertragen. Die Formel hat zur Beendigung der Religionskriege w\u00e4hrend der fr\u00fchen europ\u00e4ischen Staatenbildung gef\u00fchrt, die durch die Religionsunterschiede und die religi\u00f6se Pluralisierung im Zuge der Reformation hervorgerufen wurden. Sie verlieh dem k\u00f6niglichen Herrscher die Macht, in seinem Hoheitsgebiet die Religion zu bestimmen. In der Folge wurde Nordeuropa fl\u00e4chendeckend protestantisch, w\u00e4hrend sich S\u00fcdeuropa ausschliesslich dem Katholizismus zuwandte. In der Mitte bildeten sich drei Staaten \u2013 Holland, Deutschland und die Schweiz \u2013 mit bikonfessionellen Gesellschaften, wobei jedes Land sein eigenes System von konfessionellen \u201eS\u00e4ulen\u201c, \u201eL\u00e4ndern\u201c oder \u201eSt\u00e4nden\u201c entwickelte. Religionsminderheiten, insbesondere die sogenannten religi\u00f6sen Sekten, wurden vertrieben und fanden vorerst Aufnahme im einzigen multikonfessionellen Staat (katholisch, protestantisch, orthodox) des fr\u00fchen modernen Europas \u2013 der polnisch-litauischen Union (Polish-Lithuanian Commonwealth) \u2013 und letzten Endes auch in der Neuen Welt.<\/p>\n<p>Der \u00dcbergang von der christlichen zur s\u00e4kularen Haushaltung ist ein komplexer Prozess, der seit einigen Jahrhunderten anh\u00e4lt und noch lange nicht abgeschlossen ist. Der wichtigste Grundsatz der s\u00e4kularen Haushaltung \u2013 die auf den unabdingbaren Rechten des Einzelnen beruhende Religionsfreiheit \u2013 gilt in vielen Teilen der Welt nicht, weder in der islamischen Welt noch in zahlreichen autorit\u00e4ren Staaten, namentlich in den kommunistischen und postkommunistischen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Prinzip der religi\u00f6sen Toleranz entwickelte sich langsam w\u00e4hrend des 18. Jahrhunderts und wurde von den s\u00e4kularen Aufkl\u00e4rern ebenso wie von den utilitaristischen Machthabern in protestantischen L\u00e4ndern wie England, Holland oder Preussen gef\u00f6rdert. Erstmals Einfluss gewann der Grundsatz der Religionsfreiheit jedoch erst in der zweiten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts in den amerikanischen Kolonien. Er wurde prim\u00e4r von den radikalen protestantischen Sekten, den Baptisten und Qu\u00e4kern, unterst\u00fctzt, die bez\u00fcglich Religionsfreiheit eine Losl\u00f6sung sowohl von der Kirche als auch vom Staat anstrebten. Nach der amerikanischen Revolution wurde das sektiererische Prinzip der Religionsfreiheit in der doppelten Bestimmung im Ersten Zusatz zur Verfassung der Vereinigten Staaten (First Amendment) institutionalisiert, der die Einf\u00fchrung einer Staatsreligion verbietet und die freie Religionsaus\u00fcbung in der Gesellschaft sch\u00fctzt.<\/p>\n<p>Ein fundamental neues System religi\u00f6sen Pluralismus tauche in den Vereinigten Staaten in Form des amerikanischen Denominationalismus auf und beruhte auf dem Grundsatz der Gleichheit aller Religionsgemeinschaften vor dem Gesetz. Dieses Prinzip hatte die Tendenz, die traditionelle europ\u00e4ische Unterscheidung zwischen Kirche und Sekte zum einen und zwischen Orthodoxie und Heterodoxie zum anderen zu untergraben. Ebenfalls unterh\u00f6hlt wurde damit der elementare Grundsatz der christlichen Haushaltung, d.h. die Unterscheidung zwischen wahrer und falscher Religion.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Vereinigten Staaten zum Schutz des religi\u00f6sen Pluralismus die s\u00e4kulare Staatsform einf\u00fchrten, entstand in Europa in verschiedenen Phasen der Entkonfessionalisierung eine andere Form von s\u00e4kularem Staat. Wir sollten nicht vergessen, dass mit Ausnahme der polnisch-litauischen Union jeder fr\u00fche moderne absolutistische Staat Europas ein konfessioneller Staat war und entweder die katholische, anglikanische, lutherische, kalvinistische oder orthodoxe Kirche vertrat. Entsprechend hatte der S\u00e4kularisierungsprozess in Europa im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten eine Entkonfessionalisierung zur Folge. Der Prozess der S\u00e4kularisierung war von drei wesentlichen Mustern gepr\u00e4gt. Erstens, vom laizistischen Muster der feindseligen Entstaatlichung durch einen konflikt\u00e4ren Bruch mit der Staatskirche. Das prominenteste Beispiel f\u00fcr diese Entwicklung ist Frankreich nach der franz\u00f6sischen Revolution. Zweitens, vom Muster der schrittweisen S\u00e4kularisierung und Entkonfessionalisierung des Staates durch die zunehmende Tolerierung aller Religionsminderheiten, w\u00e4hrend die Staatskirche ihren privilegierten Status beibehielt. Dieses Muster zeigte sich im anglikanischen England und den lutherischen nordischen L\u00e4ndern. Drittens, vom Muster der einvernehmlich ausgehandelten Entkonfessionalisierung des Staates und der Entstaatlichung der Kirche unter Beibehaltung der k\u00f6rperschaftlichen Beziehung zwischen dem Staat und der (den) Staatskirche(n). Dieses Muster ist in bikonfessionellen L\u00e4ndern wie Deutschland und Holland sowie in verschiedenen katholischen L\u00e4ndern durch Konkordate zu beobachten. Bei allen drei europ\u00e4ischen Modellen geht der Prozess der S\u00e4kularisierung ohne Entfaltung des religi\u00f6sen Pluralismus einher.<\/p>\n<p>Im Zuge der Allgemeinen Menschenrechtserkl\u00e4rung der Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg breitet sich nicht das laizistisch-s\u00e4kularistische Modell Europas global aus, sondern das dreiteilige amerikanische Modell bestehend aus pers\u00f6nlicher Religionsfreiheit, s\u00e4kularem Staat, der die freie Religionsaus\u00fcbung in der Gesellschaft sch\u00fctzt, und aus pluralistischem Denominationalismus. Paradoxerweise hat die Ausbreitung der globalen s\u00e4kularen Haushaltung keine homogene S\u00e4kularisierung zur Folge, wie es die europ\u00e4ischen soziologischen Theorien der Moderne und der S\u00e4kularisierung vorhergesagt hatten, sondern bringt vielmehr unterschiedliche Dynamiken religi\u00f6ser Wiederbelebung und insbesondere weltweit zunehmender religi\u00f6ser Pluralisierung mit sich. Das moderne \u201es\u00e4kularistisch-religi\u00f6se\u201d System der Klassifizierung, das aus der Transformation des westlichen Christentums entstand und das wir gerne als S\u00e4kularisierungsprozess bezeichnen, hat sich weltweit etabliert und steht in einer dynamisch transformativen Interaktion mit allen nicht-westlichen Religionskulturen. S\u00e4mtliche religi\u00f6s-kulturellen Systeme, seien sie christlich oder nicht-christlich, westlich oder nicht-west- lich, werden durch diese interaktiven Dynamiken umgestaltet.<\/p>\n<p>Im Sinne von Charles Taylor kann man diesen Prozess als globale Erweiterung des s\u00e4kularen immanenten Rahmens verstehen, d.h. einer \u201ekosmischen\u201d, einer \u201esozialen\u201d und einer individuellen \u201emoralischen\u201d Ordnung, die funktionieren, als ob Deus non daretur (als g\u00e4be es Gott nicht). Paradoxerweise wird die zuerst im Westen und sp\u00e4ter auf der ganzen Welt erfolgende Institutionalisierung des s\u00e4kularen immanenten Rahmens zum Garanten eines neuartigen s\u00e4kularen\/religi\u00f6sen Systems, das auf der hierarchielosen und freien Religionsaus\u00fcbung aller Religionsformen beruht. Der gegenw\u00e4rtige globale Zustand zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass alle Formen menschlicher Religion \u2013vergangene und aktuelle, von der \u201eprimitivsten\u201c bis hin zur \u201emodernsten\u201c \u2013 zur individuellen und kollektiven Aneignung zur Verf\u00fcgung stehen, sondern auch dadurch, dass die Religionen vermehrt lernen m\u00fcssen, in den heutigen globalen St\u00e4dten nebeneinander zu existieren.<\/p>\n<p>Aber auch wenn ich mit meiner Behauptung richtig liege, dass die Ausbreitung dieser s\u00e4kularen Haushaltung der wichtigste globale Trend der vergangenen 50 Jahre ist, heisst dies noch nicht, dass ein solcher neuartiger Trend \u00fcberall auf dieselbe Art und Weise institutionalisiert oder jederzeit widerstandslos akzeptiert wird. Ganz im Gegenteil: In vielen Teilen der Welt manifestiert sich eine offene und bisweilen von Gewalt gepr\u00e4gte Ablehnung des Grundsatzes der Religionsfreiheit. Insgesamt hat die Anerkennung des Prinzips der Religionsfreiheit nahezu \u00fcberall zu gewissen radikalen Ver\u00e4nderungen und bisweilen zu einem deutlichen Bruch mit alten religi\u00f6sen Traditionen und historisch gewachsenen Mustern in der Beziehung zwischen Kirche und Staat gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Selbst gestandene europ\u00e4ische Demokratien, welche die Religionsfreiheit zumindest in ihrer Verfassung verankert haben, mussten ihre traditionellen Muster der Beziehung zwischen Kirche und Staat in den vergangenen Jahrzehnten als Folge des wachsenden religi\u00f6sen Pluralismus anpassen, der durch die religi\u00f6se Individualisierung im Zuge der S\u00e4kularisierung, durch die Ausbreitung neueinwandernder Religionen in vielen europ\u00e4ischen Gesellschaften, insbesondere des Islams, sowie durch die Globalisierungsprozesse entstanden ist. Diese Globalisierungsprozesse f\u00fchren dazu, dass der religi\u00f6se Pluralismus weltweit von allen als unumst\u00f6ssliche Tatsache unseres globalen menschlichen Daseins anerkannt werden muss. Alle europ\u00e4ischen Staaten waren gezwungen, die Beziehung zwischen Kirche und Staat neu auszurichten, weil sie entweder noch zu konfessionell waren und die nationale Religionsmehrheit gegen\u00fcber den religi\u00f6sen Minderheiten bevorzugt wurde, wie dies in den lutherischen nordischen Staaten der Fall war, oder weil religi\u00f6se B\u00fcrger durch das Festhalten des Staates an einem religionsfreien laizistischen \u00f6ffentlichen Raum tendenziell diskriminiert wurden. Diese reflektierte Einsicht hat einflussreiche europ\u00e4ische Denker wie J\u00fcrgen Habermas dazu bewogen, die legitime Rolle der Religion im \u00f6ffentlichen Raum anzuerkennen und von posts\u00e4kularen Gesellschaften zu sprechen.<\/p>\n<p>Der Prozess verl\u00e4uft keineswegs reibungslos und alle europ\u00e4ischen Gesellschaften bekunden M\u00fche, den Islam als legitime europ\u00e4ische Religion anzuerkennen. Als Reaktion auf den Islam als einwandernde Religion sind in vielen europ\u00e4ischen Gesellschaften gleichzeitig zwei gegens\u00e4tzliche Str\u00f6mungen entstanden: auf der einen Seite die Bekr\u00e4ftigung der christlichen Vormachtstellung und auf der anderen Seite ein aggressiver, laizistischer und gegen die Religion an sich gerichteter S\u00e4kularismus.<\/p>\n<p>Zur Zeit der Allgemeinen Menschenrechtserkl\u00e4rung im Jahr 1948 war der Grundsatz der Religionsfreiheit lediglich in ein paar wenigen westlichen L\u00e4ndern institutionalisiert und selbst in diesen Staaten konnten die Landeskirchen ihre Privilegien trotz Verankerung der Religionsfreiheit in der Verfassung bis zu einem gewissen Grad bewahren. In diesem Sinne kann berechtigterweise argumentiert werden, dass die Ausbreitung der s\u00e4kularen Haushaltung der bedeutendste globale Trend der vergangenen 50 Jahre ist. Unsere Sensibilisierung f\u00fcr die zunehmende Unterdr\u00fcckung religi\u00f6ser Minderheiten in vielen Teilen der Welt ist bereits ein Hinweis auf die expansive Entwicklung der Forderung nach pers\u00f6nlicher Religionsfreiheit als Menschenrecht und auf den Widerstand in vielen Regionen gegen die wachsende Institutionalisierung eines weltweiten Menschenrechtsregimes.<\/p>\n<p>Es ist offensichtlich, dass sich der von den modernen Staaten und den modernen Gesell- schaften unseres globalen Zeitalters geforderte Liberalismus stark vom historischen Liberalismus der europ\u00e4ischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts unterscheidet. Der Liberalismus des 19. Jahrhunderts war die Antwort auf die historische Notwendigkeit der S\u00e4kularisierung, d.h. der Entkonfessionalisierung der Staaten, nationalen Gemeinschaften und Individuen, um sie von der Bevormundung durch die kirchlichen Institutionen, insbesondere durch die transnationale katholische Kirche, zu befreien. Die wiederholte Vertreibung der Jesuiten aus den westeurop\u00e4ischen Gesellschaften durch liberale Regierungen war ein beispielhafter Ausdruck antiklerikaler, nationalistischer und etatistisch-liberaler Ideologien. Die Jesuiten waren als Vertreter des transnationalen p\u00e4pstlichen Ordens und als bekanntester katholischer Bildungsorden der Angstgegner des Liberalismus.<\/p>\n<p>Aufgrund des heute geltenden ideologischen, moralischen und religi\u00f6sen Pluralismus hat sich die Rolle des liberal-demokratischen Staates grundlegend ge\u00e4ndert. Seine Aufgabe besteht darin, die Voraussetzungen f\u00fcr einen freien und gleichberechtigten Ausdruck der ideologischen Weltanschauungen, moralischen \u00dcberzeugungen und politischen Projekte seiner B\u00fcrger zu schaffen, solange diese nicht im Widerspruch zu den fundamentalen Rechten jedes Einzelnen auf Leben, Freiheit, Gleichheit und das Streben nach Gl\u00fcck stehen.<\/p>\n<p>Den Rechten und Freiheiten aller B\u00fcrger zuliebe sollten sowohl Kirchen (religi\u00f6se Gemeinschaften) als auch liberal-s\u00e4kulare Staaten darauf verzichten, sich als autorit\u00e4re \u201emater et magistra\u201c ihrer untergebenen \u201eKinder\u201d zu betrachten, und sich darauf beschr\u00e4nken, die gleich- berechtigte materielle und spirituelle Entfaltung aller zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jos\u00e9 Casanova &#8211; 38. 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