{"id":2319,"date":"2010-07-03T19:05:25","date_gmt":"2010-07-03T17:05:25","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=2319"},"modified":"2021-07-08T19:12:55","modified_gmt":"2021-07-08T17:12:55","slug":"liberale-pflichtlektuere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2010\/07\/03\/liberale-pflichtlektuere\/","title":{"rendered":"Liberale Pflichtlekt\u00fcre"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/logo_bz.png\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"49\" class=\"alignnone size-full wp-image-634\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/logo_bz.png 320w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/logo_bz-300x46.png 300w\" sizes=\"(max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/p>\n<p>(Badische Zeitung &#8211; Wirtschaft)<\/p>\n<p><strong>Friedrich August von Hayek \u201eVerfassung der Freiheit\u201c ist auch 50 Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch aktuell.<\/strong> <\/p>\n<p><em>Von Bernd Kramer<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Hayek.jpg\" alt=\"\" width=\"166\" height=\"195\" class=\"alignleft size-full wp-image-2320\" \/>M\u00f6gen Sie Hayek? Ein denkbar schlechter Einstieg f\u00fcr ein Partygeplauder, selbst wenn die Festg\u00e4ste mehrere Jahre an der Universit\u00e4t verbracht haben. Den Namen bringen die meisten mit der mexikanischen Filmsch\u00f6nheit Salma Hayek in Verbindung, ein paar Leute denken vielleicht noch an den vor wenigen Tagen verstorbenen Schweizer Unternehmer und Swatch-Erfinder Nicolas Hayek. Aber Friedrich August von Hayek? Denjenigen, die schon einmal von dem Nobelpreistr\u00e4ger geh\u00f6rt haben, gilt er zumeist als ausgewiesener Rechter. Ist er doch jener Autor, der die Bettlekt\u00fcre der britischen Premierministerin Margret Thatcher schrieb und ihr damit eine geistige Steilvorlage f\u00fcr ihre Wirtschaftspolitik lieferte. Andere halten Hayek gar f\u00fcr einen Faschisten oder den theoretischen Wegbereiter einer radikalen Laissez-Faire-Ideologie, die den Staat verabscheut und die Welt in die gr\u00f6\u00dfte Wirtschaftskrise seit der Gro\u00dfen Depression in den 30er Jahren gest\u00fcrzt hat. Selbst der liberale Soziologe Lord Dahrendorf, wegen seines klugen Urteils gesch\u00e4tzt, ging nicht zimperlich mit dem Wirtschaftsprofessor um. Zu dogmatisch sei Hayeks Werk, sagte er.<\/p>\n<p>Aber ist der im Vielv\u00f6lkerstaat \u00d6sterreich-Ungarn Geborene tats\u00e4chlich jene konservative Galionsfigur, zu der ihn seine sch\u00e4rfsten Gegner und mancher seiner gl\u00fchendsten Verehrer gerne machen? Der Ideologe des ungez\u00e4hmten Marktes, dessen Ideen der Welt nur Arbeitslosigkeit, Bankencrashs und horrende Staatsdefizite brachten? Oder steckt in Hayeks B\u00fcchern vielleicht doch mehr und g\u00e4nzlich Anderes? Eine differenzierte Sicht der Welt gar, die auch in Krisenzeiten Erkenntnisgewinn verspricht? Oder Einsichten, die manchem an seiner Partei verzweifelten deutschen Liberalen bei der Suche nach einem politischen Selbstverst\u00e4ndnis weiterhelfen k\u00f6nnen? Immerhin gilt Hayek zumindest im angels\u00e4chsischen Sprachraum als einer der Sozialphilosophen \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>Wen die g\u00e4ngigen Urteile nicht abschrecken und wer sich die M\u00fche macht, auf intellektuelle Spurensuche in Hayeks B\u00fcchern zu gehen, kommt tats\u00e4chlich in den Genuss eines gedanklichen Abenteuers \u2013 eines, das an g\u00e4ngigen Positionen zweifeln und wegen des Stils des Autors an Klarheit und Verst\u00e4ndlichkeit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zum Beispiel in der &#8220;Verfassung der Freiheit&#8221;: Hayek hat das Buch 1960 geschrieben \u2013 das Werk eines akademischen Au\u00dfenseiters. Seine Kritik am sich ausbreitenden Wohlfahrtsstaat hatte ihn in weiten Kreisen unbeliebt gemacht. Hayek sah in den stark wachsenden Sozialversicherungssystemen einen Angriff auf die Freiheit des Einzelnen. Statt wie von Hayek bef\u00fcrwortet eine Hilfe f\u00fcr in Not geratene Menschen zu sein, waren die Sozialversicherungen in den Augen des Professors unter dem Deckmantel der sozialen Gerechtigkeit zur gigantischen, staatlichen Zwangsumverteilungsmaschine mutiert. F\u00fcr Hayek ein Schritt in Richtung Sozialismus und Planwirtschaft.<\/p>\n<p>In dieser Situation wollte er einen Gegenentwurf schaffen, eine Art liberale Utopie, mit welcher die mit sozialistischen Ideen sympathisierenden Intellektuellen von den Vorteilen einer freien Gesellschaft \u00fcberzeugt werden sollten. Einer Gesellschaft, die auf der Herrschaft des Rechts, dem Schutz des Eigentums, Wettbewerb, Marktwirtschaft, unbehinderter Meinungs\u00e4u\u00dferung und Demokratie beruht, die Einflussm\u00f6glichkeiten der Mehrheit aber beschr\u00e4nkt. All dies hat nach Hayeks Meinung zum Aufstieg und Wohlstand des Westens entscheidend beigetragen.<\/p>\n<p>Kalter Kaffee werden manche sagen. Und doch ist das Buch von hoher Aktualit\u00e4t. Vielleicht wegen solch altmodisch anmutender Begriffe wie Demut und Bescheidenheit, f\u00fcr die Hayek gleich zu Anfang pl\u00e4diert. Sie sind Ausdruck seiner Skepsis gegen\u00fcber dem latenten Wunsch, eine perfekte Gesellschaft zu schaffen, in der alle menschlichen Bed\u00fcrfnisse befriedigt werden k\u00f6nnen. Und dem Glauben, weise Eliten k\u00f6nnten dank ihres Wissens ein Paradies auf Erden gestalten. F\u00fcr Hayek wegen der Beschr\u00e4nktheit des menschlichen Geistes eine Anma\u00dfung, die nur ins Verderben f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Auf die heutige Zeit \u00fcbertragen ist dies eine Absage an staatliche Allmachtsfantasien. Wer die &#8220;Verfassung der Freiheit&#8221; liest, wird Zweifel an den Aussagen jener Politiker bekommen, die vorgeben, mittels immer neuer Ausgabenprogramme die Wirtschaft und das Wohlbefinden der Menschen zielgenau steuern zu k\u00f6nnen. Genauso wird der Leser aber auch jenen \u00d6konomen mit Misstrauen begegnen, die glauben, mit ihren Modellen die Wirklichkeit vollkommen erfasst zu haben und daraus bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma genaue Prognosen f\u00fcr die Zukunft ableiten zu k\u00f6nnen. Die Annahme dieser Wissenschaftler, der Mensch handele stets rational, hat Hayek nicht geteilt. Es waren aber diese Modelle, die Banker, Unternehmer und Aktion\u00e4re vor der Finanzmarktkrise in falscher Sicherheit wiegten und damit ma\u00dfgeblich zur Katastrophe beitrugen. Hayek deshalb die Schuld f\u00fcr den Lehman-Kollaps samt seinen Folgen in die Schuhe schieben zu wollen, ist Unfug.<\/p>\n<p>Was so mancher Liberale in Zeiten des Booms vergessen hat, unterstrich der Nobelpreistr\u00e4ger stets: Die M\u00f6glichkeit selbst zu entscheiden, ohne dabei die Freiheit des anderen einzuschr\u00e4nken, geht einher mit der Selbstverantwortung des Einzelnen. Anders gesagt: Wer etwas tut, muss anschlie\u00dfend auch daf\u00fcr gerade stehen. Auch dies war vor und in der Finanzmarktkrise nicht gegeben. Vielmehr konnten Banker und Fondsmanager ungehemmt immer h\u00f6here Risiken eingehen, sich noch mehr verschulden, in der Gewissheit, dass US-Notenbankchef Alan Greenspan in der Krise die Leitzinsen senkt und beim Bankenkollaps der Staat schon zur Hilfe kommt \u2013 eine staatliche Einkommensgarantie f\u00fcr die Topverdiener der Gesellschaft.<\/p>\n<p>Solche Privilegien hat Hayek verabscheut. Sie widersprechen seiner Vorstellung von Gerechtigkeit. Gerechtigkeit hei\u00dft f\u00fcr ihn nicht, von Reich zu Arm umzuverteilen, sondern die Gleichheit vor dem Gesetz. Positiv gesagt: Egal ob schwarz oder wei\u00df, mit Uni-Abschluss oder ohne, ob Million\u00e4r oder Arbeiter, aus Einwandererfamilie oder nicht \u2013 alle behandelt der Staat gleich. Steuerverg\u00fcnstigungen wie der erm\u00e4\u00dfigte Mehrwertsteuersatz f\u00fcr Hotel\u00fcbernachtungen oder das Elterngeld, das vor allem Besserverdienenden zugute kommt, w\u00fcrden in solch ein System nicht passen.<\/p>\n<p>Wer sich an die Regeln h\u00e4lt, kann sich dann frei entfalten. Wobei Hayek den Preis daf\u00fcr benennt. In solch einer Gesellschaft wird es als Folge der Freiheit zu einer ungleichen Verm\u00f6gensverteilung kommen, weil die Menschen unterschiedlich sind und verschieden handeln. So ist in einer Fu\u00dfnote in der &#8220;Verfassung der Freiheit&#8221; vermerkt: &#8220;Freiheit erzeugt notwendig Ungleichheit und Gleichheit (materielle Gleichheit) notwendig Unfreiheit.&#8221; Allerdings bef\u00fcrwortet der \u00d6konom staatliche Dienstleistungen wie Bildung und eine staatliche Grundversorgung f\u00fcr Leute in Notlagen. Er macht jedoch einen Unterschied. Diese Grundversorgung d\u00fcrfe nur eine &#8220;Sicherung gegen schwere physische Entbehrung und die Zusicherung eines gegebenen Existenzminimums f\u00fcr alle sein.&#8221; Ein Recht auf die Erhaltung eines einmal erreichten Lebensstandards habe dagegen niemand. So etwas sei nur \u00fcber Umverteilung zu erreichen, die Hayek ja als Anschlag auf die Freiheit des Einzelnen wertet. So h\u00e4tte der National\u00f6konom wohl nichts gegen Hartz IV, wohl aber gegen die fr\u00fchere Arbeitslosenhilfe, deren Niveau sich am zuletzt erzielten Verdienst orientierte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Freiheit f\u00fchrt er ein weiteres N\u00fctzlichkeitsargument an. K\u00f6nnen die Mitglieder einer Gesellschaft unter Beachtung allgemein g\u00fcltiger Regeln ihre Ansichten aussprechen und frei entscheiden, werden sie in der Lage sein, sich an sich ver\u00e4ndernde Bedingungen anzupassen, die zum Beispiel durch technischen Fortschritt hervorgerufen werden. Freiheit l\u00e4sst dem Einzelnen Raum zum Experimentieren mit neuen L\u00f6sungen.<\/p>\n<blockquote><p>Hayek taugt nicht zur konservativen Galionsfigur.<\/p><\/blockquote>\n<p>F\u00fcr Hayek wird sich eine Gesellschaft f\u00fcr den Weg entscheiden, der sich bew\u00e4hrt hat \u2013 also ihr zum Beispiel ein h\u00f6heres Einkommensniveau oder mehr Lebensqualit\u00e4t verspricht. Solche Entschl\u00fcsse sind nicht die Folge eines vermeintlich gro\u00dfen Entwurfs eines weisen Planers, sondern beruhen auf den aus der Vergangenheit \u00fcbermittelten und neu gemachten Erfahrungen jedes Einzelnen, also auch denen des Scheiterns. Hayek ist hier seinem Freund, dem Sozialphilosophen Karl Popper, am n\u00e4chsten. Dieser hatte stets das Prinzip des Versuchs und Irrtums beschworen und es als Rechtfertigung f\u00fcr die Demokratie herangezogen. In einer Demokratie k\u00f6nnen die B\u00fcrger ihre Herrscher abw\u00e4hlen. Dies erm\u00f6glicht, Fehlentwicklungen zu korrigieren.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund taugt Hayek wenig als Galionsfigur jener Konservativen, die sich gern zu H\u00fctern des Bew\u00e4hrten aufschwingen. Hayek hat sogar das Nachwort der &#8220;Verfassung der Freiheit&#8221; mit dem Titel &#8220;Warum ich kein Konservativer bin&#8221; versehen. Zwar sch\u00e4tzt er Traditionen, weil sich in ihnen die Erfahrungen vieler Generationen widerspiegeln, aber mit ihnen kann gebrochen werden, wenn sie zur Bew\u00e4ltigung der Gegenwart nicht mehr taugen. Den Konservativen wirft er vor, kein Vertrauen in die spontanen Anpassungskr\u00e4fte einer Gesellschaft zu haben, sondern lieber Besitzst\u00e4nde verteidigen zu wollen und auf die Herrschaft von Autorit\u00e4ten, also vermeintlich weiser und gro\u00dfer M\u00e4nner, zu setzen.<\/p>\n<p>Herkunft oder Aussehen sind f\u00fcr Hayek jedoch kein Elitenkriterium. Vielmehr zeichnet die Mitglieder einer Elite aus, dass sie sich bew\u00e4hren m\u00fcssen durch &#8220;ihre F\u00e4higkeit, ihre Position unter denselben Regeln zu erhalten, die auf alle anderen angewendet werden.&#8221; Auch das scheint so mancher Liberaler in der Bundesrepublik vergessen zu haben.<\/p>\n<p>\u2013 Der Text entstand anl\u00e4sslich eines Seminars der Schweizer Progress Foundation.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p>ZUR PERSON: FRIEDRICH AUGUST VON HAYEK<br \/>\nwurde 1899 in Wien geboren. Er studierte nach dem Kriegsdienst 1918 Rechtswissenschaft an der Universit\u00e4t Wien. Allerdings beschr\u00e4nkte sich sein Interesse nicht auf Jura: Schon w\u00e4hrend des Studiums setzte er sich mit \u00f6konomischen und psychologischen Fragen auseinander. Hayek war in jungen Jahren Sozialist, wurde aber unter dem Einfluss des \u00d6konomen Ludwig von Mises zu einem Kritiker des Sozialismus. Im Jahr 1931 wurde er Professor an der London School of Economics, 1950 wechselte er an die Uni Chicago. Hayek war in der Nachkriegszeit Initiator der Mont-P\u00e8lerin- Gesellschaft \u2013 einem Treffpunkt liberaler Denker. 1962 kam Hayek nach Freiburg, 1974 wurde ihm der \u00d6konomie-Nobelpreis verliehen. Er starb 1992 in Freiburg. Zu seinen ber\u00fchmtesten Werken z\u00e4hlen : &#8220;Der Weg zur Knechtschaft&#8221; und die &#8220;Die Verfassung der Freiheit&#8221;, die bei Mohr-Siebeck erschienen ist.<\/p>\n<\/div>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.badische-zeitung.de\/liberale-pflichtlektuere--32864850.html\">https:\/\/www.badische-zeitung.de\/liberale-pflichtlektuere&#8211;32864850.html<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Badische Zeitung &#8211; Wirtschaft) Friedrich August von Hayek \u201eVerfassung der Freiheit\u201c ist auch 50 Jahre nach ihrem Erscheinen immer noch aktuell. Von Bernd Kramer M\u00f6gen Sie Hayek? Ein denkbar schlechter Einstieg f\u00fcr ein Partygeplauder, selbst wenn die Festg\u00e4ste mehrere Jahre an der Universit\u00e4t verbracht haben. 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