{"id":2585,"date":"2005-09-23T16:51:11","date_gmt":"2005-09-23T14:51:11","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=2585"},"modified":"2021-07-09T17:10:07","modified_gmt":"2021-07-09T15:10:07","slug":"die-pflicht-der-freiheit-zur-wahrheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2005\/09\/23\/die-pflicht-der-freiheit-zur-wahrheit\/","title":{"rendered":"Die Pflicht der Freiheit zur Wahrheit"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Freitag, 23. September 2005, Nr. 222, Seite 25)    <\/p>\n<h2>Die Haltung des Vatikans gegen\u00fcber der Marktwirtschaft<\/h2>\n<p><em><strong>Was kann man vom neuen Papst in Bezug auf die Sozialethik erwarten? Welche Haltung hat die katholische Kirche gegen\u00fcber der Marktwirtschaft? Diesen Fragen gingen die Vortragenden an der <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/veranstaltungen\/economic-conferences-und-andere-anlaesse\/die-haltung-des-vatikans-gegenueber-unserem-verstaendnis-der-freien-marktwirtschaft\/\">21. Economic Conference<\/a> der Progress Foundation nach.<\/strong><\/em>    <\/p>\n<p><em>gho.<\/em> \u00abErwartungen an einen neugew\u00e4hlten Papst zu formulieren, hat naturgem\u00e4ss etwas Unbescheidenes, aber auch etwas Faszinierendes\u00bb, leitete der \u00d6konom und Wirtschaftsethiker <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/peter-koslowski\/\"><em>Peter Koslowski<\/em><\/a> (Freie Universit\u00e4t Amsterdam) seinen Vortrag im Rahmen der 21. Economic Conference der <em>Progress Foundation<\/em> in Z\u00fcrich ein. Zusammen mit dem amerikanischen Religionsphilosophen und katholischen Theologen <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/michael-novak\/\"><em>Michael Novak<\/em><\/a> (American Enterprise Institute) spekulierte Koslowski dar\u00fcber, welche Auspr\u00e4gung die katholische Soziallehre unter Papst Benedikt XVI. annehme. Zudem setzten sich die Vortragenden ausf\u00fchrlich mit der Frage auseinander, welche Haltung die katholische Kirche gegen\u00fcber der Marktwirtschaft einnimmt. Bei ihren Ausf\u00fchrungen beschr\u00e4nkten sie sich vor allem auf p\u00e4pstliche Positionen, die besonders in den Enzykliken zu sozialen Fragen ausgedr\u00fcckt werden.    <\/p>\n<p><strong>Das Recht auf unternehmerische Initiative<\/strong>    <\/p>\n<p>Novak ging zun\u00e4chst in seinem Vortrag vor allem auf die Enzyklika \u00abCentesimus Annus\u00bb von Johannes Paul II. ein, die 1991 erschien und unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der kommunistischen Systeme in Osteuropa stand. Dabei unterstrich Novak, dass in diesem Lehr- Rundschreiben der <em>Kurswechsel<\/em> des Vatikans in der Anerkennung der freien Marktwirtschaft und eine Abkehr vom sogenannten Dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus erfolgten. In \u00abCentesimus Annus\u00bb wird die Bedeutung der unternehmerischen Freiheit und Initiative betont. Der Mensch w\u00fcrde sich nicht nur verhalten, sondern auch bewusst und \u00fcberlegt handeln. Zudem betrachtete Johannes Paul II. den Menschen als ein sch\u00f6pferisches Wesen, das mit Hilfe von Wissen, Initiativgeist, F\u00e4higkeit zur Kooperation und Kreativit\u00e4t Wohlstand erzeugt. Dem Recht auf unternehmerische Initiative wird aber die Pflicht, verantwortungsvoll zu handeln, beigestellt. Der j\u00fcngst verstorbene Papst bef\u00fcrwortete zwar den Kapitalismus, wies aber auch auf dessen Ausw\u00fcchse hin. Eine freie Marktwirtschaft sollte deshalb von einem auf Freiheit basierenden Rechtsstaat und einem moralischen System umrahmt werden, das die Nutzung der individuellen Freiheit und der Kreativit\u00e4t in wohlstandsf\u00f6rdernde Bahnen lenkt.    <\/p>\n<p><strong>Unterschiedliches Freiheitsverst\u00e4ndnis<\/strong>    <\/p>\n<p>Koslowski strich hervor, dass die Enzyklika \u00abCentesimus Annus\u00bb <em><strong>nicht<\/strong> so revolution\u00e4r<\/em> sei. Schon in fr\u00fcheren Schreiben wurde dem Markt mit Einschr\u00e4nkung eine wichtige Rolle zugeordnet. Koslowski beschrieb dies als eine \u00abJa, aber\u00bb-Haltung gegen\u00fcber der Marktwirtschaft, die auch Johannes Paul II. vertreten habe. Er unterstrich aber, dass in \u00abCentesimus Annus\u00bb der Wohlfahrtsstaat kritisiert wird, weil er gegen das aus der katholischen Soziallehre stammende Subsidiarit\u00e4tsprinzip verstosse. Der \u00fcbergeordnete Staat greife in die Aufgaben untergeordneter Gesellschaften ein. Laut Koslowski stimmen katholisches und liberales Freiheitsverst\u00e4ndnis in der Wertsch\u00e4tzung der Freiheit \u00fcberein, sie <em>unterscheiden sich<\/em> jedoch in der Sicht der Gefahren, die von der Freiheit ausgehen k\u00f6nnen. Nach der katholischen Soziallehre soll die Freiheit des Marktes der Pflicht der Freiheit zur religi\u00f6sen Wahrheit unterworfen sein.    <\/p>\n<p><strong>Erwartungen an den neuen Papst<\/strong>    <\/p>\n<p>Was ist von Papst Benedikt XVI. in Bezug auf die Soziallehre zu erwarten? Novak zeigte sich \u00fcberzeugt, dass dieser das Werk seines Vorg\u00e4ngers fortsetzen werde. Weiter f\u00fcgte er an, dass der neue Papst aufgrund seiner Verbundenheit mit der Theologie von Augustinus die menschliche Schw\u00e4che und die S\u00fcnde thematisieren werde. Dadurch sei er in der Lage, die \u00abs\u00fcndhaften\u00bb Tendenzen von Staaten und Unternehmen, die sich im Verfolgen von eigenen Interessen auf illegitime Weise auf Kosten von anderen \u00e4ussern w\u00fcrden, zu analysieren. Novak f\u00fcgte hinzu, dass der Wettbewerb ein Mittel sei, um menschliche Willk\u00fcr zu beschr\u00e4nken.    <\/p>\n<p>Koslowski wies darauf hin, dass Benedikt XVI. skeptischer gegen\u00fcber der Freiheit als sein Vorg\u00e4nger zu sein scheine. Besonders kritisch stehe er dem \u00abRelativismus\u00bb gegen\u00fcber, der den Vorrang der Freiheit vor der Wahrheit bedeute. Mit Kardinal Ratzinger als neuem Papst werde die katholische Soziallehre mehr in Richtung \u00abAber\u00bb gehen. Koslowski merkte an, dass der Papst ein wichtiges Verbindungsglied zwischen Europa und den USA darstellen k\u00f6nnte. Er habe sich positiv zum amerikanischen Verst\u00e4ndnis der Religionsfreiheit sowie zur Ausformung des Verh\u00e4ltnisses von Staat und Kirche in den USA ge\u00e4ussert. Aus der Sicht des Wirtschaftsethikers schloss Koslowski mit der Erwartung, dass sich die katholische Soziallehre wieder vermehrt mit der <em>Analyse<\/em> der sozialen und wirtschaftlichen Gegebenheiten besch\u00e4ftigen und sich von der <em>Rhetorik<\/em> der Sozialreform abwenden solle.  <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/nzz_20050923_s25.pdf\">NZZ 23. September 2005, Seite 25<\/a>            <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Freitag, 23. September 2005, Nr. 222, Seite 25) Die Haltung des Vatikans gegen\u00fcber der Marktwirtschaft Was kann man vom neuen Papst in Bezug auf die Sozialethik erwarten? 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