{"id":443,"date":"1999-12-01T23:34:22","date_gmt":"1999-12-01T22:34:22","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=443"},"modified":"2021-06-28T23:35:24","modified_gmt":"2021-06-28T21:35:24","slug":"wilhelm-roepke-ein-liberaler-wertkonservativer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/1999\/12\/01\/wilhelm-roepke-ein-liberaler-wertkonservativer\/","title":{"rendered":"Wilhelm R\u00f6pke &#8211; ein liberaler Wertkonservativer"},"content":{"rendered":"<div class=\"wc-shortcodes-row wc-shortcodes-item wc-shortcodes-clearfix\">\n<div class=\"wc-shortcodes-column wc-shortcodes-content wc-shortcodes-one-half wc-shortcodes-column-first \">\n<strong>STAB<\/strong><br \/>\n<span style=\"font-size:80%\">Stiftung f\u00fcr Abendl\u00e4ndische Besinnung<br \/>\n8034 Z\u00fcrich   Postfach<br \/>\nTel. 01 383 24 53   Fax 01 383 68 25<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"wc-shortcodes-column wc-shortcodes-content wc-shortcodes-one-half wc-shortcodes-column-last \">\nZ\u00fcrich, Anfang Dezember 1999\n<\/div>\n<\/div>\n<div class=\"wc-shortcodes-row wc-shortcodes-item wc-shortcodes-clearfix\">\n<div class=\"wc-shortcodes-column wc-shortcodes-content wc-shortcodes-one-half wc-shortcodes-column-first \">\n<strong>Rundbrief Nr. 127<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"wc-shortcodes-column wc-shortcodes-content wc-shortcodes-one-half wc-shortcodes-column-last \">\nAn die Freunde<br \/>\nder Stiftung<br \/>\nf\u00fcr Abendl\u00e4ndische Besinnung<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Robert Nef, lic. iur., Mitglied des Stiftungsrates der &#8220;Stiftung f\u00fcr Abendlandische Besinnung&#8221;, Leiter des Liberalen Instituts Z\u00fcrich, Redaktor und Mitherausgeber der &#8220;Schweizer Monatshefte&#8221;<\/p>\n<p>Wilhelm R\u00f6pke w\u00e4re am 10. Oktober 1999 100 Jahre alt geworden. Er geh\u00f6rt zu den grossen Liberalen dieses Jahrhunderts. Freiheitliches Gedankengut stand f\u00fcr ihn im Zentrum seines wissenschaftlichen und publizistischen Wirkens und sein Name bleibt f\u00fcr Kenner der Ideengeschichte unausl\u00f6schlich mit dem Begriff des Neoliberalismus verbunden, auch wenn dieser Begriff heute in einer anderen Bedeutung im Umlauf ist, mit der sich R\u00f6pke kaum identtfiziert h\u00e4tte. Neoliberalismus war f\u00fcr ihn gerade nicht die vorwiegend im 19. Jahrhundert entwickelte Lehre vom Freihandel, von der durch Marklprozesse gew\u00e4hrleisteten Interessenharmonie und vom &#8220;Laissez-faire&#8221;, sondern ein an die Gegebenheiten und Widerw\u00e4rtigkeiten des 20. Jahrhunderts adaptiertes Ordnungsprnzip, ein &#8220;Dritter Weg&#8221; zwischen Moralismus und \u00d6konomismus. <em>&#8220;National\u00f6konomisch dilettantischer Moralismus ist genau so abschreckend wie moralisch abgestumpfter Okonomismus, und leider ist das eine so verbreitet wie das andere&#8221;<\/em> (&#8220;Wirtschaft und Moral&#8221;, in: Wort und Wirkung, Ludwigsburg 1964, S. 73). R\u00f6pke unterscheidet einen <em>&#8220;unverg\u00e4nglichen Liberalismus&#8221;<\/em>, welcher f\u00fcr ihn als Idee <em>&#8220;im Grunde das Wesen der abendl\u00e4ndischen Kultur schlechthin ausmacht&#8221;<\/em> von einem <em>&#8220;verg\u00e4nglichen Liberalismus&#8221;<\/em>, welcher als wirtschaftspolitische Doktrin aus dem letzten Jahrhundert seine Aktualit\u00e4t weitgehend eingeb\u00fcsst habe. Dem Konzept des allgegenw\u00e4rtigen &#8220;homo oeconomicus&#8221;, der die ganze Welt nur unter dem Gesichtspunkt von Kosten und Nutzen evaluiert, stellte er das Konzept des &#8220;homo religiosus&#8221; gegen\u00fcber, der Mensch. der zwischen Einbindung und Abgrenzung nach &#8220;Mass und Mitte&#8221; strebt, der Mensch, dessen seelische Bed\u00fcrfnisse in der s\u00e4kularisierten Massengesellschaft zu kurz kommen. Dieses tiefe Unbefriedigtsein der Seele f\u00fchrt, so R\u00f6pke, zur Suche nach einem Glaubensersatz und <em>&#8220;zur immer totaleren ldeologisierung und Politisierung unseres Lebens. Dieser Entwicklung kann man immer schwerer entrinnen, und vielleicht ist es sogar ein eigentlicher Fluch unserer Zeit, von der die Pest des Kommunismus nur ein besonders b\u00f6sartiger Spezialfall ist. Beabachlen sie die pseudoreligi\u00f6se Inbrunst der Utopisten, der Weltverbesserer, die donn die Welt nur schlimmer machen und eigentlich Weltverschlimmerer heissen sollten&#8221;<\/em> (&#8220;Wirtschaftspolitik im politischen Raum&#8221;, in: Wort und Wirkung, Ludwigsburg 1964, S. 29).<\/p>\n<p>R\u00f6pke ist 1966 im 67. Altersjahr viel zu fr\u00fch gestorben. Er hat &#8211; anders als sein Jahrg\u00e4nger Friedrich August von Hayek, dem er freundschaftlich verbunden war &#8211; weder den Wandel im sozialwissenschaftlichen Umfeld (70er Jahre) noch den \u00dcbergang von den Europ\u00e4ischen Gemeinschaften zur Europ\u00e4ischen Union (80er Jahre) noch den Konkurs des Sowjetkommunismus und den Zerfall des Sowjetimperiums (ab 1989) noch die &#8220;Neue Weltordnung unter der Vormacht der USA&#8221; miterlebt. Er h\u00e4tte wohl kaum zu den voreiligen und zum Teil auch gef\u00e4hrliehen Optimisten und Enthusiasten geh\u00f6rt, welche bei jedem Wandel gleich \u00fcberall das Ende alles Schlechten und den Anfang alles Guten wittern und die Macht der Altlasten str\u00e4flich untersch\u00e4tzen. Wenn wir heute nach einem Adjektiv suchen, welches das Lebenswerk R\u00f6pkes besser charakterisiert als das heute missverst\u00e4ndliche &#8220;neoliberal&#8221;, so ist es &#8220;wertkonservativ&#8221;, und die Zielsetzung unserer Stiftung, die &#8220;abendl\u00e4ndische Besinnung&#8221;, kann als Motto \u00fcber sein gesamtes Lebenswerk gesetzt werden.<\/p>\n<p>R\u00f6pke wurde 1899 in Schwamstedt in der L\u00fcneburger Heide als Sohn eines Arztes geboren. 1917\/18 nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Er studierte an der Universit\u00e4t Marburg, doktorierte dort und habilitierte sich 1922 als Privatdozent f\u00fcr National\u00f6konomie. 1923 heiratete er Eva Fincke. Der Ehe entsprossen drei Kinder. 1924-33 lehrte er &#8211; unterbrochen durch ein Jahr als Visiting Professor der Rockefeller Stiftung in den USA &#8211; als Professor f\u00fcr National\u00f6konomie an den Universit\u00e4ten Jena, Graz und Marburg\/Lahn. 1933 wurde er wegen seiner liberalen Gesinnung von den Nationalsozialisten als Professor entlassen. 1933-37 wirkte er als Professor in Istambul, 1937-66 am Institut des Hautes Etudes Internationales in Genf. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden ihm weltweit und auch in Deutschland zahlreiche Ehrungen zuteil. 1947 geh\u00f6rte er zusammen mit seinem Freund Friedrich August von Hayek zu den Grundern der &#8220;Mont-P\u00e8lerin-Society&#8221;, welche zum weltweit einflussreichen Kontaktgremium der Exponenten freiheitlicher, marktwirtschaftlicher Ideen wurde. Sein wissenschaftliches und publizistisches Lebenswerk ist beeindruckend. Es kreist um den Themenbereich &#8220;Gesellschafts- und Wirtschaftsreform&#8221; und umfasst vom Lehrbuch \u00fcber den Aufsatz bis zur Rede und zum Zeitungsartikel verschiedenste Gattungen der Publizistik.<\/p>\n<p>R\u00f6pkes in der &#8220;Neuen Z\u00fcrcher Zeitung&#8221; publizierte Leitartikel haben eine ganze Lesergeneration mitgepr\u00e4gt und der Schreibende hat k\u00fcrzlich im Nachlass seines Vaters (1906-1986) eine Sammlung vergilbter R\u00f6pke-Artikel gefunden. F\u00fcr einen, der selbst schreibt und hofft, dass der eine oder andere Artikel auch \u00fcber den Tag hinaus eine gewisse Bedeutung behalten wird, ist es eine heilsame \u00dcbung, alte Zeitungsartikel wieder zu lesen. Was bleibt, und was ist zeitgebunden? Die Engl\u00e4nder, die eine besondere Affinit\u00e4t und Begabung zu einem offenen Konservatismus haben, kennen ein treffendes Sprichwort: <em>&#8220;Systems die, instincts remain&#8221;<\/em>. Systeme, auch Denksysteme sind verg\u00e4nglich, Instinkte, welche anthropologische Erfahrungen speichern, \u00fcberdauern, auch wenn sie oft nur in den Traditionen und nicht in den Genen gespeichert sind. R\u00f6pkes bleibende Erkenntnisse entstammen eher dieser geistigen Instinktsph\u00e4re als einem wissenschatlich erh\u00e4rteten und kritisierbaren System. Der Begriff &#8220;Instinkt&#8221; mag allzu biologistische Assoziationen wecken, m\u00f6glicherweise charalterisiert er aber recht zutreffend jene Einbindung in die Menschennatur und in die kulturgeschichtlich gepr\u00e4gte Tradition. Darin kommt zum Ausdruck was f\u00fcr R\u00f6pke den &#8220;homo religiosus&#8221; ausmacht, den er \u00fcber den &#8220;homo oeconomicus&#8221; und \u00fcber den &#8220;homo politicus&#8221; stellt. Im Zentrum seines Lebenswerks stand die Freie Gesellschaft, welche ihrerseits auf Privateigentum und Privatautonomie und auf einer &#8220;organischen Verbindung&#8221; bew\u00e4hrter moralischer Yerhaltensweisen beruht. Sein Denken l\u00e4sst sich &#8211; wie \u00fcbrigens bei allen Liberal-Konservativen &#8211; am ehesten ex negativo beschreiben. Er war anti-etatistisch, anti-zentralistisch, anti-totalit\u00e4r, anti-rationalistisch, anti-materialistisch und anti-okonomistisch (wenn man &#8220;\u00f6konomistisch&#8221; als Bezeichnung f\u00fcr ein vorbehaltloses Primat der \u00d6konomie verwendet).<\/p>\n<p>R\u00f6pke war ein Meister der Titelformulierung. Die Aufz\u00e4hlung der einzelnen Buchtitel mag bei vielen Gelehrten eine langweilige Sache sein. Bei R\u00f6pke spiegelt sich darin sein ganzes &#8220;Lebensprogramm&#8221;. Das erste gr\u00f6ssere Werk ist ein Lehrbuch, &#8220;Die Lehre von der Wirtschaft&#8221;, dann folgen &#8220;Krise und Konjunktur&#8221;, &#8220;Die Gesellschaftskrisis der Gegenwart, Wesentliche Orientierungen im Chaos unserer Zeit&#8221;, &#8220;Civitas Humana, Grundfragen der Gesellschafts- und Wirtschaftsreform&#8221;, &#8220;Die deutsche Frage&#8221;, &#8220;Internationale Ordnung &#8211; heute&#8221;, &#8220;Mass und Mitte&#8221;, &#8220;Jenseits von Angebot und Nachfrage&#8221;, &#8220;Gegen die Brandung&#8221;, &#8220;Das Kulturideal des Liberalismus&#8221;, &#8220;Wirrnis und Wahrheit&#8221;, &#8220;Wort und Wirkung&#8221;, &#8220;Torheiten der Zeit, Stellungnahmen zur Gegenwart&#8221;. Von den vielen Zeitschriftaufs\u00e4tzen sei nur ein besonders markanter Aufsatxitel erw\u00e4hnt &#8220;Eigentum als S\u00e4ule einer freien Gesellschaft&#8221; (Schweizer Monatshe{te 1957, S. 441). Eine der wichtigsten Reden tr\u00e4gt den programmatischen Titel &#8220;Marktwirtschaft ist nicht genug&#8221; (In: Wort und Wirkung, Ludwigsburg 1964, S. 136).<\/p>\n<p>Ob R\u00f6pke ahnte, dass von vielen Autoren letztlich nur noch die Titel ihrer B\u00fccher \u00fcberliefert werden? (Untersuchungen \u00fcber die Frage, wieviele B\u00fccher nur noch zitiert aber nicht mehr gelesen werden, sind ern\u00fcchternd.) Die in wenigen Worten komprimierte Hauptbotschaft des Buches finden wir etwa bei Kants &#8220;Kritik der reinen Vernunft&#8221;, Schopenhauers &#8220;Die Welt als Wille und Vorstellung&#8221;, Max Stirners &#8220;Der Einzige und sein Eigentum&#8221; (\u00fcbrigens von R\u00f6pke als &#8220;das lacherlichste Buch der Weltliteratur&#8221; bezeichnet) Horkheimer\/Adornos &#8220;Dialektik der Aufkl\u00e4rung&#8221; und &#8211; last but not least &#8211; Nietzsches &#8220;Jenseits von Gut und B\u00f6se&#8221;. Letzterer hat wohl R\u00f6pke zu seinem markanten Buchtitel &#8220;Jenseits von Angebot und Nachfrage&#8221; angeregt, zu jenem &#8220;gefl\u00fcgelten Wort&#8221;, welches als Motto \u00fcber seinem Gesamtwerk stehen k\u00f6nnte, und das als &#8220;minimales ideengeschichtliches Pnifungswissen&#8221; auch in einer wenig traditionsbewussten Zeit gate \u00dcberlebenschancen hat.<\/p>\n<p>R\u00f6pke war kein Wissenschafter, der im Elfenbeinturm \u00fcber alten und neuen Theorien br\u00fctet, bzw. als Empiriker fleissig Daten und Fakten sammelt und interpretiert. Er war ein Professor im Sinn des Bekenners, ein K\u00e4mpfer f\u00fcr jene Ideen, von deren Wahrheit er zutiefst \u00fcberzeugt war. Die Funktion der \u00d6konomie als Wissenschaft hat er wie folgt beschrieben: <em>&#8220;Wir appellieren an die wirtschaftliche Vermmft; wir ermahnen die Menschen, Tatsachen zu respekieren. Aber das heisst, dass hier wirtschaftliche Vernunft und Respektieren von Tatsachen aufprallen auf die Gefihle und Leidenschafien der Politik, auf den blossen Enthusiasmus, auf Ideologien, von denen ich gesprochen habe. Durch diesen Appell an die wirtschaftliche Vernunft und an harte, nicht aus der Welt zu schaffende Tatsachen gewinnt die Wissenschafi vom Wirtschaftsleben, die National\u00f6konomie, und das wirtschaftliche Denken, das wir alle pflegen in unserer ideologiebesessenen Zeit einen Wert, der gar nicht abzusch\u00e4tzen ist.&#8221;<\/em> (In: Wort und Wirkung, S. 30). Sein Vortrag zum Thema &#8220;(Jmgang mit dem Bolschewismus&#8221; (a.a.O. S. 91) beginnt mit folgendem Satz: <em>&#8220;Wenn ich irgendwo und irgendwann in den gewiss h\u00f6chst unverdienten Ruf eines \u00e4ngstlichen Leisetreters gekommen sein sollte, so habe ich heute die sehr erw\u00fcnschte Gelegenheit, ihnen zu beweisen, dass ich im Gegenteil, wenn es darauf ankommt im Stande bin, die Dinge beim Namen zu nennen.&#8221;<\/em> Gibt es heute noch solche Stellungnahmen von Hochschullehrern, welche als <em>&#8220;Orientierungen im Chaos der Zeit&#8221; &#8220;die Dinge beim Namen nennen&#8221;<\/em>? Der von R\u00f6pke so leidenschaftlich und mit moralischer Argumentaion bek\u00e4mpfte Bolschewismus ist heute nicht mehr existent. Aber hat die &#8220;Marktwirtschaft mit moralischem Fundament&#8221; wie sie R\u00f6pke als Ideal vorschwebte gesiegt? Oder n\u00e4hern wir uns R\u00f6pkes Horrorvision von einer entwurzelten, orientierungslosen, \u00f6konomistischen Massengesellschaft? Die \u00dcberlegenheit der Marktwirtschaft wird heute in aller Regel durch ihre Effizienz und ihre Produktivitat begrundet. Anders bei R\u00f6pke. Sein Motiv ist die Freiheit, welche basierend auf Privateigentum und Privatautonomie eine tragende S\u00e4ule der Gesellschaft bildet. Effizienz und Produktivitat mogen positive Nebeneffekte sein, die empirisch bisher nachweisbar sind, aber die Wirtschaftsfreiheit m\u00fcsste &#8211; so R\u00f6pke &#8211; als Wesenselement der Freiheit auch dann gesch\u00fctzt werden, wenn andere Wirischaftssysteme effizienter und produktiver w\u00e4ren. <em>&#8220;Die Freiheit ist ein so kostbarer Wert, dass wir bereit sein sollten, ihr alles zu opfern, m\u00f6glicherweise auch Wohlstand und \u00dcberfluss, wenn die wirtschaftliche Freiheit uns dazu zwingen sollte.&#8221;<\/em> (&#8220;Erziehung zur wirtschaftlichen Freiheit&#8221; in: Albert Hunold, Hrsg., Erziehung zur Freiheit, Erlenbach-Z\u00fcrich 1959, S. 286)<\/p>\n<p>Im Zentrum der ordnungspolitischen Diskussion steht heute nicht mehr die Frage &#8220;Marktschaft oder Kommandowirtschaft?&#8221; Von h\u00f6chster Aktualit\u00e4t ist und bleibt jedoch die These &#8220;Marktwirtschaft ist nicht genug&#8221;. Die Erg\u00e4nzungsbed\u00fcrftigkeit der Marktwirtschaft wird heute &#8211; anders als bei R\u00f6pke &#8211; allerdings mehrheitlich beim politischen System angesiedelt. Dem Staat wird &#8211; vor allem von linker Seite &#8211; die Aufgabe zugewiesen, sogenanntes &#8220;Marktversagen&#8221; zu kompensieren. Er soll die Wirtschaft durch Vorschrilten und Steuern &#8220;sozialer machen&#8221;. Das Primat der Wirtschaft wird einem Primat der Politik gegen\u00fcbergestellt und Marklglaubige fechten gegen Politikgl\u00e4ubige. R\u00f6pkes Postulat nach einem Primat der Moral erscheint in diesem Diskurs als Ruf aus einer andern Welt. Moral wird zwar von Etatisten durchaus gepredigt und vor allem &#8220;von den andern&#8221; in Form von Solidarit\u00e4t gefordert, n\u00f6tigenfalls unter Nachhilfe durch staatlichen Zwang und wohlfahrtsstaatliche Umverteilung. Aber auch das moralische Defizit, das &#8220;Moralversagen&#8221;, soll aus dieser etatistischen Sicht durch staatliche Vorschriften ausgeglichen werden. Diese Tendenz steht im Widerspruch zu dem, was R\u00f6pke als &#8220;dritter Weg&#8221; vorschwebte. Die Hoffnung, man k\u00f6nne &#8220;nehr Moral&#8221; durch &#8220;nehr Staat&#8221; herbeizwingen, d\u00fcrfte sich als gef\u00e4hrliche Illusion erweisen. M\u00f6glicherweise ist der Fortschrittsskeptiker R\u00f6pke gegen\u00fcber dem Verh\u00e4ltnis von Markt und Moral zu pessimistisch gewesen. Er hat die Chancen des \u00dcbergangs von der Industriegesellschaft zur Dienstleistungsgesellschaft gegen\u00fcber den Gefahren der Vermassung in der Konsumgesellschaft meines Erachtens untersch\u00e4tzt. Der Markt kann zwar auch in einer Dienstleistungsgesellschaft ohne moralische Basis nicht funktionieren, aber Vieles deutet darauf hin, dass M\u00e4rkte und vor allem Dienstleistungsm\u00e4rkte, im Wettbewerb nicht prim\u00e4r die Aggressivit\u00e4t f\u00f6rdern, sondern die F\u00e4higkeit, sich in die Bed\u00fcrfnisse anderer einzuf\u00fchlen. Sympathie wird &#8211; auch wirtschaftlich &#8211; lohnend, moralische Verhaltensweisen werden vom Markt nicht nur ben\u00f6tigt und genutzt, sondern auch generiert. Dies g1lt zwar nicht in allen F\u00e4llen, aber in der Tendenz. Moral steht prinzipiell nicht im Widerspruch zum Wirtschaftlichen, selbst wenn dieses &#8211; wie bei R\u00f6pke &#8211; in einem engeren, vorwiegend an materielle Bed\u00fcrfnisse ankn\u00fcpfenden Sinn definiert wird.<\/p>\n<p>Ist R\u00f6pke nur noch eine ideengeschichtlich interessierende Gestalt des 20. Jahrhunderts, oder bleibt sein Werk aktuell? Die Frage nach der zeitlichen und der \u00fcberzeitlichen Bedeutung eines bedeutenden Wissenschafters stellt sich nicht nur bei R\u00f6pke. Weil er so engagiert f\u00fcr die aktuellen Herausforderungen seiner Zeit gek\u00e4mpft hat und weil er seine Anliegen auch in der Sprache seiner Zeit formuliert hat, wirken zahlrecihe Publikationen &#8211; nicht nur sprachlich, sondern auch thematisch &#8211; heute etwas antiquirt. Sein Ideal einer mittelst\u00e4ndigen Gesellschaft auf der Basis gewerblicher Kleinbetriebe und selbstbewirtschaftender Landwirte isz heute zu einer Utopie geworden. Die \u00d6konomie hat sich als Sozialwissenschaft inzwischen in jene Bereiche hineingewagt, die R\u00f6pke noch &#8220;Jenseits von Angebot und Nachfrage&#8221; ansiedelte. Man spricht heute von &#8220;Humankapital&#8221; und von &#8220;Sozialkapital&#8221; und die &#8220;Public-choice&#8221;-Schule hat l\u00e4ngst moralische Verhaltensweisen, Traditionen, politische Verhaltensweisen, Gesetzgebung, Vertragsgemeinschaften, Emotionen und Beziehungsnetze in &#8220;face-to-face&#8221;-Gruppen und in gr\u00f6sseren anonymen Systemen als Gegenstand ihrer Analyse entdeckt. Trotzdem hat die von R\u00f6pke in geradezu klassischer Form verk\u00f6rperte Verbindung von Liberalisrnus und Wertkonservatismus ihren Stellenwert behalten, ja man kann sogar ein zunehmendes Interesse daran prognostizieren. Wertkonservative m\u00f6chten an bestimmten Werthaltungen festhalten und sind darum &#8211; im Gegensatz zu den Strukturkonservativen &#8211; grunds\u00e4tzlich am Wandel interessiert, und zwr gerade an jenem Wandel, der zur Verwirklichung ihrer Werte optimale Bedingungen schaffi. In Zeiten des Wandels tendieren Wertkonservative immer dazu, durch eine Anpassung der Strukturen das Festhalten an Werten trotz tats\u00e4chlicher Ver\u00e4nderungen zu erm\u00f6glichen und zu gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>In Turin diskutierte diesen Herbst (17.-19. September) an einem Seminar des &#8220;International Center of Economic Reserchi&#8221;, ICER, ein internationaler Kreis von Fachleuten \u00fcber das Thema &#8220;The legacy of F.A. von Hayek und W. R\u00f6pke&#8221;. Dabei wurden vor allem die Fragen nach dem aktuellen Stellenwert des Konservatismus und des R\u00f6pke zugeschrieben fortschrittskritischen und kulturpessimistischen &#8220;Romantizismus&#8221; behandelt. Kurz darauf hatte der Schreibende Gelegenheit an einem Seminar der amerikanisch-schweizerisch Progress-Foundation zum Thema Liberalismus und Konservatismus in Soazza (30. September &#8211; 2. Oktober) mitzuwirken. Zur Debatte standen Texte von Friedrich August von Hayek, Bertrand de Jouvenel und Wilhelm R\u00f6pke. Es zeigte sich in der Diskussion, dass das Thema Konservatismus am Ende dieses Jahrhunderts keineswegs abgeschrieben ist, und dass es nicht nur aus Anlass der 100. Wiederkehr von Geburtstagen traktandiert wird. Die Wertediskussion, die Frage nach dem Stellenwert der Moral, bleibt mindestens so aktuell wie die Frage nach der produklivsten und effizientesten Form des Wirtschaftens. Vor allem bleibt die Herausforderung bestehen, sich weiterhin mit den komplexen Zusammenh\u00e4ngen und Spannungsfeldern zwischen Markt und Moral und zwischen Fortschritt und Tradition zu befassen, f\u00fcr die uns R\u00f6pke in mehrfacher Hinsicht sensibilisiert hat. In diesem Sinn bleibt er aktuell.<\/p>\n<p>Literatur:<br \/>\nVon Wilhelm R\u00f6pke sind zur Zeit aus den 1979 bei Paul Haupt herausgegebenen Gesammelten Schriften noch folgende B\u00e4nde lieferbar: Civitas Humana, 5. Aufl.; Gesellschaftskrisis der Gegenwart, 6. Aufl.; Internationale Ordnung heute, 3. Aufl.; Mass und Mitte, 2. Aufl. Lieferbar ist ferner: Das Kulturideal des Liberalismus, Klostermann-Verlag, Frankfurt a.M. 1947<\/p>\n<p>Eine Neuauflage der wichtigsten Werke, insbes. von &#8220;Jenseits von Angebot und Nachfrage&#8221; w\u00e4re erw\u00fcnscht.<\/p>\n<p>Mit Unterst\u00fctzung der STAB hat Gerd Habermann unter dem Titel &#8220;Das Mass des Menschen&#8221; ein Wilhelrn-R\u00f6pke-Brevier herausgegeben, das anhand von thematisch gegliederten Zitaten einen guten Einblick in das Gesamtwerk vermittelt. Das Brevier ist 1999 im Ott-Verlag in Thun erschieneq kostet Sfr. 24.80 und eignet sich vorz\u00fcglich als Weihnachtsgeschenk.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>STAB Stiftung f\u00fcr Abendl\u00e4ndische Besinnung 8034 Z\u00fcrich Postfach Tel. 01 383 24 53 Fax 01 383 68 25 Der Pr\u00e4sident Z\u00fcrich, Anfang Dezember 1999 Rundbrief Nr. 127 An die Freunde der Stiftung f\u00fcr Abendl\u00e4ndische Besinnung Robert Nef, lic. iur., Mitglied des Stiftungsrates der &#8220;Stiftung f\u00fcr Abendlandische Besinnung&#8221;, Leiter des Liberalen Instituts Z\u00fcrich, Redaktor und Mitherausgeber&hellip;&nbsp;<a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/1999\/12\/01\/wilhelm-roepke-ein-liberaler-wertkonservativer\/\" class=\"\" rel=\"bookmark\">Read More &raquo;<span class=\"screen-reader-text\">Wilhelm R\u00f6pke &#8211; ein liberaler Wertkonservativer<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"neve_meta_sidebar":"","neve_meta_container":"","neve_meta_enable_content_width":"off","neve_meta_content_width":0,"neve_meta_title_alignment":"","neve_meta_author_avatar":"","neve_post_elements_order":"","neve_meta_disable_header":"","neve_meta_disable_footer":"","neve_meta_disable_title":"","footnotes":"","_links_to":"","_links_to_target":""},"categories":[1],"tags":[19],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443"}],"collection":[{"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=443"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":444,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/443\/revisions\/444"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=443"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=443"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=443"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}