{"id":4464,"date":"1999-11-13T21:45:10","date_gmt":"1999-11-13T20:45:10","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4464"},"modified":"2021-07-15T21:52:03","modified_gmt":"2021-07-15T19:52:03","slug":"das-leiden-am-wohlergehen-des-mitmenschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/1999\/11\/13\/das-leiden-am-wohlergehen-des-mitmenschen\/","title":{"rendered":"Das Leiden am Wohlergehen des Mitmenschen"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ &#8211; WIRTSCHAFT &#8211; Samstag\/Sonntag, 13.\/14. November 1999, Nr. 265, Seite 23) <\/p>\n<p><em><strong>Strittiges zum Neid und zu dessen Markt-Kompatibilit\u00e4t<\/strong><\/em>   <\/p>\n<p><em>tf.<\/em> Kaum jemand bekennt sich zu ihm, und kaum jemand ist gefeit vor ihm: Der Neid gilt als wenig edler und dennoch allgegenw\u00e4rtiger Charakterzug. Meist verbirgt er sich hinter vermeintlich ehrenwerter Fassade, wird also erst nach Abklopfen derselben erkennbar. Verstecken m\u00fcsste er sich indes nicht. Denn Neid, und somit das Leid am Wohlergehen des Mitmenschen, ist ein realer und seit Urzeiten bei allen V\u00f6lkern beobachtbarer Schmerz. Als solcher verdient er seri\u00f6se Ber\u00fccksichtigung \u2013 auch seitens der Sozialwissenschaften. Diesem Anliegen angenommen haben sich am Donnerstag abend in Z\u00fcrich der Bonner Soziologe <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/erich-weede\/\">Erich Weede<\/a> und der in Z\u00fcrich lehrende \u00d6konom <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/ernst-fehr\/\">Ernst Fehr<\/a>. Auf <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/veranstaltungen\/economic-conferences-und-andere-anlaesse\/neid-motor-oder-bremse-des-fortschritts\/\">Einladung<\/a> der Progress Foundation und des Liberalen Institutes machten sie sich Gedanken zu den wirtschaftlichen Konsequenzen des Neids.    <\/p>\n<p><strong>Konsens bei der Diagnose . . .<\/strong>    <\/p>\n<p>Einig waren sich die beiden in der Einsch\u00e4tzung, dass Neid kaum auszurotten sei. Weede untermauerte dies mit dem Hinweis auf den durchaus rationalen Kern des Neidgef\u00fchls auf Grund sogenannter Positionsg\u00fcter. Solche G\u00fcter kennzeichnen sich durch eine extrem hohe Rivalit\u00e4t des Konsums. Das heisst: Wer ein Positionsgut in Anspruch nimmt, mindert notwendigerweise die Chancen der anderen, das gleiche Gut zu geniessen. Beispiele hierzu liefern hohe soziale Positionen, zumal nicht jedermann Bundesrat oder Konzernchef werden kann. Da die Inanspruchnahme solch gehobener Positionen voraussetzt, dass andere in unteren Positionen verbleiben, ist Neid eine naheliegende emotionale Reaktion. Und da mit zunehmendem Wohlstand einer Gesellschaft der Kampf um die Formen dieses Wohlstandes \u2013 will heissen: der Kampf um Positionsg\u00fcter \u2013 immer wichtiger wird, ist Neid in Weedes Worten nicht allein ein \u00c4rgernis, sondern zus\u00e4tzlich ein \u00ab\u00c4rgernis mit Zukunft\u00bb.    <\/p>\n<p>An die Zukunft des Neids, verstanden als Aversion gegen Ungleichheit, glaubt auch Fehr. Argumente hierzu entlehnt er sich nicht zuletzt der experimentellen \u00d6konomie, seinem wissenschaftlichen Steckenpferd. Die im Rahmen \u00f6konomischer Experimente gezeigte Tendenz neidischen Verhaltens sah er im Rahmen eines kleinen Verteilungsspiels um 100 Fr. beim Vortragspublikum ebenfalls best\u00e4tigt. Aber auch die vielen Nein- Stimmen \u00e4lterer Frauen bei der j\u00fcngsten Abstimmung \u00fcber eine Mutterschaftsversicherung in der Schweiz wertet er als Indiz f\u00fcr die evolutorische Hartn\u00e4ckigkeit des Neid-Ph\u00e4nomens.    <\/p>\n<p><strong>. . . und Dissens bei der Therapie<\/strong>    <\/p>\n<p>Mit der Betonung der Persistenz des Neides hatte sich der Konsens der beiden Referenten indes bereits ersch\u00f6pft. Namentlich bei der Frage nach der Funktionsf\u00e4higkeit des Marktes in einer \u00abneidischen Wirtschaft\u00bb kamen sie zu h\u00f6chst unterschiedlichen Antworten. F\u00fcr Weede hat Neid in einer auf Freiwilligkeit basierenden Welt des Marktes keine sozial sch\u00e4dlichen Konsequenzen. Wer andere Menschen um Geld, G\u00fcter oder Positionen beneide, k\u00f6nne ja den Versuch starten, auf dem Markt wohlhabender zu werden. Und da auf einem Wettbewerbsmarkt auf Dauer derjenige am erfolgreichsten sei, der sich am Wohl seiner Mitmenschen \u2013 lies: der Abnehmer seiner Produkte und Leistungen \u2013 orientiere, werde der Neider dazu gezwungen, sich so zu verhalten, als ob er ein besserer Mensch w\u00e4re. Der Neider mutiere quasi kraft des Marktgesetzes zum Altruisten. Anders sei dies jedoch bei Ber\u00fccksichtigung der politischen Welt und somit der potentiellen Androhung von Gewalt und Zwang. Unter demokratischer Mehrheitsherrschaft m\u00fcsse die L\u00fccke zur Minderheit der Beneideten nicht mehr durch eigene Anstrengung geschlossen werden, sondern k\u00f6nne \u2013 als destruktive Option \u2013 \u00fcber die zwangsweise Enteignung des Erfolgreichen erfolgen. Nichts zwinge also in einer demokratischen Mehrheitsherrschaft die Neider, sich moralisch besser zu verhalten, als sie sind.    <\/p>\n<p>Nicht einverstanden erkl\u00e4ren mit solchem Vertrauen auf die Marktkr\u00e4fte konnte sich Fehr. In seiner Optik k\u00f6nnen dezentrale \u2013 und somit marktwirtschaftliche \u2013 Entscheidungsstrukturen beim Vorhandensein von Neid und Statuspr\u00e4ferenzen zu ineffizienten Resultaten f\u00fchren. \u00abNeid ist nicht unschuldig in M\u00e4rkten.\u00bb Die Ursache sieht er in Nutzenexternalit\u00e4ten begr\u00fcndet: der Statusgewinn einer Person A entspreche immer dem Statusverlust einer Person B. Wenn sich beispielsweise A gegen\u00fcber seinem Nachbarn B abheben wolle und deshalb ein prestigetr\u00e4chtiges Luxusauto kaufe, Nachbar B indes dasselbe \u00fcberlege, h\u00e4tten am Schluss zwar beide Personen ein d\u00fcnneres Portemonnaie, der angestrebte Statuserfolg habe sich aber bei keinem eingestellt. Zur Vermeidung solcher wohlfahrtsmindernder Situationen st\u00f6sst der Markt gem\u00e4ss Fehr an Grenzen. Notwendig seien daher intelligente \u2013 vom Referenten leider nicht n\u00e4her konkretisierte \u2013 Institutionen.     <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/nzz_19991113_s23.pdf\">NZZ Samstag\/Sonntag, 13.\/14. November 1999, Seite 23<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ &#8211; WIRTSCHAFT &#8211; Samstag\/Sonntag, 13.\/14. November 1999, Nr. 265, Seite 23) Strittiges zum Neid und zu dessen Markt-Kompatibilit\u00e4t tf. Kaum jemand bekennt sich zu ihm, und kaum jemand ist gefeit vor ihm: Der Neid gilt als wenig edler und dennoch allgegenw\u00e4rtiger Charakterzug. 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