{"id":4703,"date":"2016-12-19T21:36:59","date_gmt":"2016-12-19T20:36:59","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4703"},"modified":"2021-07-17T21:39:30","modified_gmt":"2021-07-17T19:39:30","slug":"dieser-markt-ist-menschlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2016\/12\/19\/dieser-markt-ist-menschlich\/","title":{"rendered":"Dieser Markt ist menschlich"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 FEUILLETON &#8211; Montag, 19. Dezember 2016, Seite 25)                  <\/p>\n<p><em>Warum der Kapitalismus den Christen lieb sein m\u00fcsste. <strong>Von Gerhard Schwarz<\/strong><\/em>    <\/p>\n<p>In christlichen Kirchen wird in Predigten und F\u00fcrbitten gerne \u00fcber die Marktwirtschaft hergezogen, die man in den USA ohne negativen Unterton Kapitalismus nennt. Verg\u00f6tterung des Mammons, soziale K\u00e4lte, Einkommensdisparit\u00e4ten, Gier, Ausbeutung, Profitdenken, \u00fcberzogener Individualismus, Hedonismus, Materialismus, Umweltzerst\u00f6rung \u2013 kaum eine Schlechtigkeit dieser Welt, die nicht dem Kapitalismus angelastet wird. Dagegen geniesst der Sozialismus nur schon wegen des Namens Sympathie, obwohl alle sozialistischen Experimente unglaubliches Elend gebracht haben.    <\/p>\n<p>Im Ergebnis ist der Kapitalismus sozialer als der Sozialismus. Seit aber Papst Franziskus in \u00abEvangelii gaudium\u00bb von \u00abdieser Wirtschaft, die t\u00f6tet\u00bb, spricht und vom Geld, das regiert, statt zu dienen, f\u00fchlen sich viele Christen in ihrer Ablehnung des Kapitalismus best\u00e4rkt. Dabei ist ein Bekenntnis zum Katholizismus (beim Protestantismus zweifelt man dank Max Weber weniger) durchaus mit der Bejahung des Kapitalismus vereinbar, ohne dass man sich verrenken muss.    <\/p>\n<p>Das beginnt beim Menschenbild. Das Verst\u00e4ndnis des Menschen als Einzelperson, ausgestattet mit gleicher W\u00fcrde, angenommen von Gott, harmoniert mit dem liberalen Menschenbild. Dass jedem Kind Gottes ewiges Leben gew\u00e4hrt ist und die Seele jedes Menschen in Kontakt mit Gott steht, sind zentrale Wurzeln des Liberalismus. Das ist vielen Liberalen nicht bewusst; dabei ruft der Begriff der W\u00fcrde geradezu nach der Idee einer h\u00f6heren Instanz, die diese Rangstellung verleiht.    <\/p>\n<p><strong>Kommunismus in der Familie<\/strong>    <\/p>\n<p>Die Kritik der Kirchen am Kapitalismus hat zum Teil damit zu tun, dass sie ihre individualistischen Wurzeln verdr\u00e4ngen und den Markt als selbst\u00e4ndig handelndes Subjekt verstehen. Es ist aber nicht der Markt, der handelt; es sind Menschen, die auf dem Markt freiwillig handeln und schuldig werden. In dieser \u00abmenschlichen\u00bb Marktwirtschaft ist Raum f\u00fcr Gut und B\u00f6se und wird es stets zu \u00dcbertretungen der moralischen Regeln kommen. Eine solche Ordnung, in der die Menschen sich bew\u00e4hren k\u00f6nnen und nicht am G\u00e4ngelband gef\u00fchrt werden, m\u00fcsste den Kirchen lieb sein, denn erzwungenem Tun kommt kaum ethische Qualit\u00e4t zu.    <\/p>\n<p>Eine andere Ursache der Spannung ist die von Friedrich August von Hayek kritisierte \u00dcbertragung der Gesetze der kleinen Gemeinschaft auf die grosse Gesellschaft. Die ideale christliche Gemeinschaft ist nicht der Staat, sondern die Familie (mit ihren modernen Spielarten). In solchen Gemeinschaften k\u00f6nnen Liebe, Mitgef\u00fchl und soziale Verantwortung statt Macht und Hierarchie als Bindeglieder dienen. Hier kommt die Sozialnatur des Menschen zum Ausdruck, hier kann sogar Kommunismus herrschen, nicht dagegen in einer Stadt oder einem ganzen Land.    <\/p>\n<p><strong>Suche nach dem Gemeinsamen<\/strong>    <\/p>\n<p>An vier Schl\u00fcsselbegriffen soll ausgeleuchtet werden, inwiefern man als Christ sehr wohl kapitalistisch denken kann. Beginnen wir mit dem Wettbewerb. Mit ihm hat der Katholizismus seit je M\u00fche, selbst in der marktwirtschaftsaffinen Enzyklika \u00abCentesimus annus\u00bb (1991). Wenn in katholischen Dokumenten von Wettbewerb die Rede ist, wird praktisch immer zugleich vor der Z\u00fcgellosigkeit des Marktes gewarnt. Noch in \u00abMater et magistra\u00bb (1961) wurde der Wettbewerb als unvereinbar mit der christlichen Lehre und der menschlichen Natur verteufelt.    <\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6rt Wettbewerb zur anthropologischen Grundausstattung des Homo sapiens, der wir Innovation und Fortschritt verdanken. Er muss nat\u00fcrlich mit lauteren Mitteln gef\u00fchrt werden, aber unter dieser Voraussetzung ist er ein grossartiges Entdeckungsverfahren und Entmachtungsinstrument. Eine Schrift der Evangelischen Kirche in Deutschland umschreibt dies: \u00abWettbewerb ist ein zentrales Moment jeder Marktwirtschaft, . . . auch unter ethischen Gesichtspunkten . . . Er belohnt die Leistung des T\u00fcchtigeren. Dieser Ansporn dient aber dem Gemeinwohl.\u00bb Und Albertus Magnus nennt im 13. Jahrhundert gerecht, \u00abwas die G\u00fcter gem\u00e4ss der Einsch\u00e4tzung des Marktes im Zeitpunkt des Verkaufs wert sind\u00bb. Die Kirchen sollten also den Wettbewerb loben, statt das Zerrbild eines sozialdarwinistischen Kampfes aller gegen alle zu entwerfen.    <\/p>\n<p>Mit dem Privateigentum ist es einfacher. Das Gebot Jahwes \u00abDu sollst nicht stehlen\u00bb setzt die Rechtm\u00e4ssigkeit privaten Eigentums voraus. Denker wie Augustinus, Thomas von Aquin und, 200 Jahre vor Adam Smith, die spanischen Scholastiker der Schule von Salamanca haben dem Privateigentum und dem Gewinn ihren Segen erteilt; und der polnische Papst Johannes Paul II. wusste aus Erfahrung um die Vorteile des Privateigentums. Es gibt keine bessere Institution, um mit stets begrenzten Ressourcen produktiv umzugehen und knappe G\u00fcter zuzuteilen.    <\/p>\n<p>Bei den Kirchen aber steht die Sozialpflichtigkeit des Eigentums im Vordergrund, und sie meinen damit zu oft ein nicht nachhaltiges Verhalten wie das Zahlen h\u00f6herer L\u00f6hne, als sie die Nachfrage und der Markt hergeben. Wer sein Geld investiert, richtige Entscheide f\u00e4llt und damit Geld verdient, wird dagegen eher ge\u00e4chtet statt mit Applaus bedacht. Dabei verh\u00e4lt sich der Unternehmer ethisch, der sich in der Firma (das Privatverm\u00f6gen ist etwas anderes) mit k\u00fchlem Kopf an der \u00f6konomischen Sachlogik orientiert und nicht vor lauter warmem Herzen Unternehmen wie Arbeitspl\u00e4tze gef\u00e4hrdet. Christen d\u00fcrften das ruhig laut sagen. Sehr lasch sind die Kirchen, wenn der Staat auf das Privateigentum zugreift, obwohl er damit in die Freiheit des Einzelnen eingreift, obwohl, was sich nicht in privaten H\u00e4nden befindet, in der Regel weniger sorgf\u00e4ltig gepflegt wird und obwohl privates Eigentum die Basis christlicher Tugenden wie Wohlt\u00e4tigkeit und Gastfreundschaft ist. Dabei w\u00fcrde es christlichem wie j\u00fcdischem Denken entsprechen, weltlicher Herrschaft mit Skepsis zu begegnen.    <\/p>\n<p>Gott als oberster Souver\u00e4n ist die Quelle der Gerechtigkeit und des Rechts. Somit sind auch die Herrscher dem Gesetz und der Gerechtigkeit unterstellt. Daraus leitet sich die Forderung nach Gesetzen ab, die f\u00fcr alle gleich gelten. Generell bef\u00f6rdert die Abgrenzung zwischen dem Privaten und dem \u00d6ffentlichen in der Bibel liberale Vorstellungen. \u00abGebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist\u00bb ist ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit der religi\u00f6sen Autorit\u00e4t vom Staat in Fragen von Moral, Glauben und Kult. Zugleich ist es aber, bei aller Bejahung des Staates, eine Absage an einen ausufernden Staat.    <\/p>\n<p>Besonders profilieren sich die Kirchen mit ihrer Forderung nach sozialer Gerechtigkeit. Dabei verwechseln sie Einkommensgleichheit mit Gerechtigkeit und vergessen gerne, dass man produzieren muss, bevor man verteilen kann. Krasse Ungleichheiten k\u00f6nnen zwar zu sozialen Spannungen f\u00fchren, aber das ist keine ethische Frage. Als Folge von Unterschieden der Begabung, der Anstrengung, des Gl\u00fccks und der Nachfrage muss der Suchprozess im Markt zu Unterschieden der Einkommen f\u00fchren. Sie sind aber im Rechtsstaat nicht ungerecht, sondern nat\u00fcrliche Begleiterscheinung einer dynamischen Wirtschaft, dank der die untersten 20 Prozent der Einkommensbez\u00fcger heute besser leben als die obersten 20 Prozent vor 100 Jahren. Nicht der Umverteilungsstaat, der Leistung bestraft und das Anspruchsdenken f\u00f6rdert, ist sozial, sondern der Staat, der die unternehmerische Initiative und damit die \u00dcberwindung von Armut nicht abt\u00f6tet und die private Wohlt\u00e4tigkeit nicht verdr\u00e4ngt.    <\/p>\n<p><strong>Realismus statt Utopie<\/strong>    <\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr ein Zusammenfinden von kirchlichem und marktwirtschaftlichem Denken w\u00e4re eine Absage an die \u00dcbertragung der Heilserwartung auf unsere Erde. Die Marktwirtschaft ist kein Paradies und schafft auch keines. Gerade die Kirchen sollten wissen, dass in der Realit\u00e4t vieles unbefriedigend bleiben muss, weil das Reich der himmlischen Gerechtigkeit nicht von dieser Welt ist; sie sollten erkennen, dass die \u00d6konomie so komplex ist, dass man mit jeder Intervention gravierende unbeabsichtigte Nebenwirkungen in Kauf nimmt; und sie sollten einsehen, dass eine Ordnung, in der die Verteilung politisch gesteuert wird, nicht gerechter, haush\u00e4lterischer und bed\u00fcrfnisgerechter ist als eine liberale Ordnung.    <\/p>\n<p>Das Anstreben einer vollkommen gerechten Ordnung, die auf einer Moral gr\u00fcndet, die wesentlich h\u00f6her ist als die durchschnittliche, ist inhuman. Viele Christen gehen jedoch gedanklich diesen Weg. Dabei kritisierte schon Augustinus jene, die versuchten, die Gesellschaft in ein nach ihrer Meinung ideales Muster zu pressen: Man solle lieber den Freiraum schaffen, in dem sie sich so verhalten k\u00f6nnen, wie sie es f\u00fcr richtig halten. Diesen Freiraum, diesen anthropologischen Realismus und diese Offenheit bietet die marktwirtschaftliche, liberale Ordnung mehr als jede andere.   <\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<strong>Gerhard Schwarz<\/strong> ist freier Publizist. Er leitete den Think-Tank Avenir Suisse und zuvor das Wirtschaftsressort dieser Zeitung. Im Fr\u00fchling 2017 wird eine integrale Fassung dieser \u00dcberlegungen in der Reihe \u00abLuzerner Universit\u00e4tsreden\u00bb erscheinen.     <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/nzz_20161219_s25.pdf\">NZZ Montag, 19. Dezember 2016, Seite 25<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 FEUILLETON &#8211; Montag, 19. Dezember 2016, Seite 25) Warum der Kapitalismus den Christen lieb sein m\u00fcsste. 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