{"id":4743,"date":"2002-09-01T10:48:42","date_gmt":"2002-09-01T08:48:42","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4743"},"modified":"2021-07-20T10:56:50","modified_gmt":"2021-07-20T08:56:50","slug":"enttaeuschte-erwartungen-ein-anstoss-zum-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2002\/09\/01\/enttaeuschte-erwartungen-ein-anstoss-zum-lernen\/","title":{"rendered":"Entt\u00e4uschte Erwartungen &#8211; ein Anstoss zum Lernen"},"content":{"rendered":"<p>(Schweizer Monatshefte \u2013 Heft 9, 2002 &#8211; Seite 3)        <\/p>\n<p><strong>ZU GAST<\/strong>     <\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p>Dr. <strong>Rainer Hank<\/strong> leitet die Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.   <\/p>\n<\/div>\n<p>Liberale werden nicht m\u00fcde, die Offenheit der Zukunft immer wieder zu betonen. Die institutionellen Arrangements in einer Welt der Unsicherheit und des Unwissens lassen der Freiheit den gr\u00f6sstm\u00f6glichen Raum: \u00abVersuch und Irrtum\u00bb heisst dieses Arrangement in der Sprache Poppers. \u00abEine Marktordnung als Entdeckungsverfahren\u00bb ist es in der Sprache Hayeks. Es sind beidesmal Warnungen, die Offenheit des Wettbewerbs nicht mit Planung und anmassendem Wissen zuzusch\u00fctten. Dahinter steckt die \u00dcberzeugung: Man kann den Menschen die Freiheit nicht auferlegen; man kann aber Bedingungen schaffen, unter denen sie die M\u00f6glichkeit haben, ihr Schicksal selbst zu gestalten. Die Freiheit selbst fordert von uns, die Zukunft offen zu halten.    <\/p>\n<p>Als ob soviel Freiheit nicht schon genug Angst macht. Jetzt freilich kommt einiges hinzu: Der weltweite Sturz der Aktienm\u00e4rkte, die Bilanzskandale der amerikanischen Unternehmen und eine tiefe Unsicherheit \u00fcber den weiteren Verlauf der Konjunktur versetzen viele Menschen in Sorge \u00fcber die Zukunft. Das Attentat am 11. September war nicht nur ein Angriff auf den amerikanischen Kapitalismus. Es war ein Angriff auf das Selbstverst\u00e4ndnis der liberalen Welt. Angst war bisher unter klassisch Liberalen kein Thema. Daf\u00fcr mag es Gr\u00fcnde geben: Wom\u00f6glich haben die Konservativen die Angst gepachtet, die ihnen zur Legitimation daf\u00fcr dient, jeglicher Ver\u00e4nderung abzuschw\u00f6ren? Wom\u00f6glich lieben die Sozialisten den Plan gerade deshalb so sehr, weil er ihnen eine Versicherung gegen die F\u00e4hrnisse der offenen Gesellschaft zu sein d\u00fcnkt? Es kann schon sein, dass die Strategien der Konservativen wie der Sozialisten falsche Antworten auf die Angst sind. Angst ist kein guter Ratgeber, das d\u00fcrfte freilich kein Grund sein, sie zu verdr\u00e4ngen.    <\/p>\n<p>Erste Schritte zu einem unverkrampften Umgang mit der Angst wurden j\u00fcngst an einem Kolloquium der liberalen Progress Foundation \u00fcber das Thema \u00abAngst in Wirtschaft und Gesellschaft\u00bb unternommen. Am Ursprung der Freiheitsgeschichte steht die Angst zu scheitern. Kierkegaard hat schon vor den Existentialisten des 20. Jahrhunderts darauf aufmerksam gemacht, dass das Geheimnis der unschul\u00ac digen Unwissenheit, Ursprung jeglichen wettbewerblichen Entdeckungsverfahrens, die Angst ist. Freiheit ist die Bedingung der M\u00f6glichkeit f\u00fcr alle M\u00f6glichkeiten. Freiheit ohne Angst gibt es nicht. Im Nachhinein sehen wir, dass der Optimismus der kreativen Gr\u00fcnder der sp\u00e4ten Neunzigerjahre blind war. Damals hatte offenbar niemand einen Grund, \u00fcber die Angst zu reden. Dabei h\u00e4tte die Angst den blinden Optimismus in Skepsis \u00fcberf\u00fchren k\u00f6nnen: Warnen vor dem Glauben an ein Ende aller Konjunkturzyklen. Heute sind wir durch das schmerzhafte Spiel von Versuch und Irrtum wieder ein St\u00fcck weiter: ein Lernprozess durch entt\u00e4uschte Erwartungen.   <\/p>\n<blockquote><p>G\u00e4be es die M\u00f6glichkeit zu scheitern nicht,  w\u00e4re Macht ein f\u00fcr allemal verteilt. <\/p><\/blockquote>\n<p>Wenn die Liberalen jetzt beginnen, \u00fcber Angst zu reden, k\u00f6nnen sie das Modell der offenen Gesellschaft sch\u00e4rfen: Denn der Wettbewerb selbst ist ein Arrangement, welches die Angst zu z\u00e4hmen vermag und sie gerade deshalb nicht leugnen muss. Der Wettbewerb privilegiert keinen und teilt jedermann Chancen zu, sich im fairen Verfahren durchzusetzen. Freiheit ohne Angst gibt es nicht, weil Offenheit ohne die M\u00f6glichkeit zu scheitern nicht gedacht werden kann. Eine Welt des Wettbewerbs, die \u00fcber Versuch und Irrtum lernt, l\u00e4sst freilich die M\u00f6glichkeit zu scheitern gerade zu. Niemand scheitert endg\u00fcltig; jeder erh\u00e4lt seine zweite (dritte, vierte) Chance. So zeigt das Scheitern sein humanes Gesicht: G\u00e4be es die M\u00f6glichkeit zu scheitern nicht, w\u00e4re Macht ein f\u00fcr allemal verteilt \u2014 eine starre, keine offene Gesellschaft. Keiner h\u00e4tte die Chance des neuen Marktzutritts: eine ungerechte Gesellschaft. Die Angst vor der Freiheit (zu scheitern) wird durch die legitime M\u00f6glichkeit zu scheitern entdramatisiert. Auf diese Weise wird die Zukunft in die Haltung eines skeptischen Optimismus getaucht. Liberale, welche die Angst kennen, w\u00e4ren reifer geworden.     <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/smh-2002-09-s3.pdf\">Schweizer Monatshefte \u2013 Heft 9, 2002 &#8211; Seite 3<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Schweizer Monatshefte \u2013 Heft 9, 2002 &#8211; Seite 3) ZU GAST Dr. Rainer Hank leitet die Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Liberale werden nicht m\u00fcde, die Offenheit der Zukunft immer wieder zu betonen. 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