{"id":4795,"date":"2006-04-15T12:13:50","date_gmt":"2006-04-15T10:13:50","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4795"},"modified":"2021-07-20T12:32:43","modified_gmt":"2021-07-20T10:32:43","slug":"geld-allein-macht-nicht-gluecklich-aber-der-staat-erst-recht-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2006\/04\/15\/geld-allein-macht-nicht-gluecklich-aber-der-staat-erst-recht-nicht\/","title":{"rendered":"Geld (allein) macht nicht gl\u00fccklich \u2013 aber der Staat erst recht nicht"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Samstag\/Sonntag, 15.\/16. April 2006, Seite 23)                           <\/p>\n<div style=\"width:50%;font-size:90%;margin:0 0 2em 0\">\u00abGl\u00fccklich m\u00f6chten alle Menschen werden. Wenn sie reich w\u00e4ren, w\u00fcrden sie auch gl\u00fccklich sein, meinen die meisten, meinen, Gl\u00fcck und Geld verhielten sich zusammen wie die Kartoffel zur Kartoffelstaude, die Wurzel zur Pflanze. Wie irren sie sich doch gr\u00f6blich . . .!\u00bb<br \/>\n<em>Jeremias Gotthelf<\/em><\/div>\n<div style=\"clear:both;\"><\/div>\n<p>Wenn ein Buch der \u00abtraurigen Wissenschaft\u00bb, wie die \u00d6konomie genannt wird, in den Feuilletons gleichermassen Anklang findet wie in der Zunft selbst, macht das hellh\u00f6rig. Die Rede ist von \u00abHappiness: Lessons from a New Science\u00bb (2005) des britischen Wirtschaftswissenschafters Richard Layard. Das neue Gebiet der \u00f6konomischen Gl\u00fccksforschung behandelt Themen, die bisher als Dom\u00e4ne von Philosophen und Psychologen oder der Dichtkunst galten. \u00d6konomen befassten sich dagegen \u2013 und befassen sich mehrheitlich weiterhin \u2013 vor allem mitWohlstand, wohl wissend, dass Geld (allein) weder gl\u00fccklich macht noch sinngebend ist und dass statistische Konstrukte wie das Bruttosozialprodukt voller Verzerrungen sind.    <\/p>\n<p>DIE ANSPR\u00dcCHE STEIGEN   <\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund kommt der Gl\u00fccksforschung das Verdienst zu, in Erinnerung zu rufen, dass \u00d6konomie sich nie bloss mit Effizienz und Gewinn besch\u00e4ftigen sollte, sondern sich auf ihre Wurzeln als Theorie menschlichen Wohlergehens besinnen sollte. Ausserdem erweitert sie die Wirtschaftswissenschaften um Einsichten wie die, dass Heirat und Kinder auf lange Sicht zufrieden machen, Arbeitslose besonders ungl\u00fccklich und direkte Demokratie oder Freiheit \u00abGl\u00fccksbringer\u00bb sind. Sie best\u00e4tigt schliesslich, dassWohlstand eine notwendigeVoraussetzung von Gl\u00fcck ist, zumindest bis zu einem gewissen Niveau, jedoch Gl\u00fcck nicht garantiert. Zugleich n\u00e4hrt die \u00f6konomische Gl\u00fccksforschung aber antimaterialistische Empfindungen, leistet dem sozialdemokratischen Mainstream mit seinem Hang zum Paternalismus Vorschub und l\u00e4dt zu missbr\u00e4uchlichen Interpretationen ein.    <\/p>\n<p>Eine \u00abErkenntnis\u00bb lautet, die Industriestaaten seien trotz dem Reichtum heute nicht gl\u00fccklicher als 1960. Gleichzeitig zeigen andere Forschungen, dass Stagnation ungl\u00fccklich macht und mehr Wohlstand das Wohlbefinden steigert. Wie passt das zusammen? Des R\u00e4tsels L\u00f6sung lautet, dass die Anspr\u00fcche steigen, sich der \u00abReferenzpunkt\u00bb also verschiebt. Der Student freut sich \u00fcber das erste selbstverdiente Auto, und sei es noch so verlottert. Mit f\u00fcnfzig ist der Besitz eines solchen Autos dagegen kaum mit Gl\u00fccksgef\u00fchlen verbunden. Die Erinnerung an fr\u00fches Gl\u00fcck erkl\u00e4rt auch zum Teil die von den Religionen (einschliesslich der eine Art moderne Religion darstellenden Wachstumskritik) bediente Sehnsucht nach dem einfachen Leben, die weitgehend auf der Illusion beruht, die Entwicklung sei umkehrbar. Doch der Umstieg vom SUV zur billigen Occasion bringt das alte Lebensgef\u00fchl nicht zur\u00fcck.    <\/p>\n<p>VOM NUTZEN DES STATUS-NEIDS    <\/p>\n<p>Ein anderer Beitrag der Gl\u00fccks\u00f6konomie ist die Kritik am Status-Wettlauf. Da Gl\u00fcck viel mit der relativen Position zu tun habe, f\u00fchre dies in eineTretm\u00fchle des Konsums.Manversuche, den Nachbarn zu \u00fcbertrumpfen, der wiederum durch ein noch gr\u00f6sseres Haus oder ein noch schnelleres Auto die Nase vorn behalten wolle.Dadieses Ergebnis weder gesellschaftlich noch individuell optimal sei, solle man den Wettlauf durch Konsumsteuern d\u00e4mpfen oder gar unterbinden. Abgesehen davon, dass sich Status-Denken als Ausdruck menschlicher Natur immer Bahn schafft, wie sehr man es auch zu unterdr\u00fccken versucht, stellen sich nur schon praktische Problemewie jenes der Abgrenzung zwischen dem funktionalen und dem Status-Aspekt des Konsums. Vor allem aber l\u00e4sst die Kritik am Status- Wettlauf dessen Bedeutung f\u00fcr die Evolution ausser acht, also den produktiven Nutzen des Status-Neids. Ihn hat schon Adam Smith erkannt, als er meinte, das Streben nach Wohlstand mache zwar den Einzelnen nicht gl\u00fccklicher, bringe aber die Menschheit voran.    <\/p>\n<p>Schliesslich l\u00e4dt die Gl\u00fccksforschung mit ihremGlauben an dieMessbarkeit ganz generell zu einer konstruktivistischen Haltung ein. Weil Politik gerne das Messbare in den Vordergrund r\u00fcckt und daf\u00fcr Wichtigeres, das nicht quantifizierbar ist, beiseite l\u00e4sst, verf\u00fchrt die Messung von Gl\u00fcck dazu, Gl\u00fcck zu einem zentralen kollektiven Ziel zu erkl\u00e4ren. Von da ist es nicht weit zur \u00absch\u00f6nen neuen Welt\u00bb und zum obligatorischen \u2013 oder subventionierten \u2013 Konsum von \u00abGl\u00fcckspillen\u00bb. Das liberale Kontrastprogramm zu diesem totalit\u00e4ren Potenzial lautet, in der Politik nicht das \u00abgr\u00f6sste Gl\u00fcck der gr\u00f6ssten Zahl\u00bb (Francis Hutcheson) anzustreben, sondern die amerikanische Unabh\u00e4ngigkeitserkl\u00e4rung w\u00f6rtlich zu nehmen. In ihrwird als drittes Menschenrecht neben Leben und Freiheit nicht Gl\u00fcck, sondern das \u00abStreben nach Gl\u00fcck\u00bb postuliert.    <\/p>\n<p>STREBEN NACH GL\u00dcCK    <\/p>\n<p>Das schliesst ein, dass man sich in diesem Streben irren und dass man scheitern kann, vor allem aber, dass man unter Umst\u00e4nden nicht Gl\u00fcck als h\u00f6chstes Ziel anstrebt. Das muss schon deswegen m\u00f6glich sein, weil John Stuart Mills Ansicht, man k\u00f6nne nur gl\u00fccklich werden, wenn man seine Gedanken nicht auf das eigene Gl\u00fcck richte, einiges f\u00fcr sich hat. Gl\u00fcck stellt sich in seinem Urteil als unbeabsichtigte Folge anderer Bestrebungen ein, des Bem\u00fchens um das Wohlergehen anderer, des Kampfes f\u00fcr Ideale, des Einsatzes f\u00fcr das Gemeinwesen oder einer k\u00fcnstlerischen Bet\u00e4tigung. Wie bei anderen politischen Zielen, etwa Gerechtigkeit oder G\u00fcterversorgung, will liberale Politik somit auch mit Blick auf das Gl\u00fcck Ausgangsbedingungen schaffen, nicht Endergebnisse erreichen. Diese m\u00fcssen offen bleiben, aber jeder soll versuchen d\u00fcrfen, nach seiner Fasson selig zu werden.    <\/p>\n<p>Die Besch\u00e4ftigung der \u00d6konomen mit dem Gl\u00fcck st\u00f6sst letztlich deswegen an Grenzen, weil \u00abGl\u00fcck\u00bb \u2013 als moderner Begriff ein Kind der Aufkl\u00e4rung \u2013 ein Allerweltswort ist: Heisst Gl\u00fcck, dass man am Ende des Lebens zufrieden zur\u00fcckblicken kann, oder bedeutet es eine Aneinanderreihung hedonistischen Konsums? Und wie geht man damit um, dass Bedeutung und Inhalt von Gl\u00fcck im Zeitablauf, von Land zu Land und von Individuum zu Individuum variieren? Die klassische \u00d6konomie begegnet beidem damit, dass sie vom Handeln der Menschen auf ihr Wollen und W\u00fcnschen schliesst: Menschen bringen mit ihrem Tun ihre Pr\u00e4ferenzen zum Ausdruck.    <\/p>\n<p>Das ist zwar eine ungenaue Ann\u00e4herung an die Wirklichkeit, aber sie vermeidet die Anmassung, man k\u00f6nne von dritter Seite her besser beurteilen, was dem Einzelnen frommt. Auf diese schiefe Ebene ger\u00e4t, wer etwa zu wissen vorgibt, im ber\u00fchmten M\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm handle \u00abHans im Gl\u00fcck\u00bb gegen seine Interessen,wer also in Kategorien von wahren Bed\u00fcrfnissen und falschem Bewusstsein denkt. Solches Denken, auch wenn es im Gewand \u00f6konomischer Forschung daherkommt, droht auf die \u00dcberwindung der Qual und Irrtumsanf\u00e4lligkeit der Wahl hinauszulaufen. Damit sch\u00fcttet man die wichtigste Quelle nachhaltigen Gl\u00fccks zu, die Offenheit f\u00fcr Chancen und f\u00fcr Hoffnung. Daher sollte der Staat niemals versuchen, Gl\u00fcck zu produzieren oder zu bringen, sondern stattdessen die individuelle Suche nach demGl\u00fcck zulassen und m\u00f6glichst wenig behindern.    <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/gerhard-schwarz\/\"><em><strong>G. S.<\/strong><\/em><\/a>   <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2006\/04\/nzz_20060415_s23.pdf\">NZZ Samstag\/Sonntag, 15.\/16. April 2006, Seite 23<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Samstag\/Sonntag, 15.\/16. April 2006, Seite 23) \u00abGl\u00fccklich m\u00f6chten alle Menschen werden. 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