{"id":4848,"date":"2010-01-30T16:43:45","date_gmt":"2010-01-30T15:43:45","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4848"},"modified":"2021-07-20T16:49:05","modified_gmt":"2021-07-20T14:49:05","slug":"krise-der-werte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2010\/01\/30\/krise-der-werte\/","title":{"rendered":"Krise der Werte"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 Samstag\/Sonntag, 30.\/31. Januar 2010, Seite 1)                                     <\/p>\n<p><em>Die Wirtschaftskrise wurzelt in einer Werte-Krise: zu kurzfristiges Denken, ungen\u00fcgend klare Haftung, Vernachl\u00e4ssigung des Kundennutzens, zu wenig Sorge um die politische Akzeptanz. <strong>Von <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/gerhard-schwarz\/\">Gerhard Schwarz<\/a><\/strong><\/em>    <\/p>\n<p>Man mag \u00fcber das World Economic Forum (WEF) denken, was man will: Man kann es f\u00fcr einen Jahrmarkt der Eitelkeiten halten, f\u00fcr eine Schwatzbude von Weltverbesserern oder f\u00fcr ein einzigartiges globales Forum des Dialogs von Politik und Wirtschaft. Es ist wohl ein bisschen von allem. Als Seismograf der Interessen, Stimmungen, Hoffnungen und Bef\u00fcrchtungen der wirtschaftlich M\u00e4chtigen dieser Welt d\u00fcrfte es aber ziemlich un\u00fcbertroffen sein. In den vielen offiziellen Veranstaltungen, aber noch mehr in den Pausen, an den gesellschaftlichen Anl\u00e4ssen, in den Hotelhallen kann man der Managerkaste den Puls nehmen wie nirgendwo sonst. Ein Begriff, der in Davos dieses Jahr allgegenw\u00e4rtig ist, ist der der Werte. Immer wieder kann man h\u00f6ren, wir durchlebten mehr noch als eine Finanz- und Wirtschaftskrise eine Werte- Krise. Diese Diagnose f\u00fchren unz\u00e4hlige Leute im Munde, die damit nur schlecht ihre Absicht verbergen, endlich zeigen zu k\u00f6nnen, dass die zwar alles andere als freie, aber in ihrem Urteil eben noch viel zu wenig regulierte Marktwirtschaft versagt hat. Ferner \u00e4ussern sich viele Moralisten in diesem Sinne, die s\u00e4uerlich \u00fcber Gier oder Masslosigkeit jammern \u2013 und damit nur die anderen meinen. Schliesslich gibt es zunehmend mehr von jenen, die ohne pers\u00f6nliche Glaubw\u00fcrdigkeit vollmundig \u00fcber den Verlust der Werte in der Wirtschaft klagen, wie etwa Frankreichs Staatspr\u00e4sident Nicolas Sarkozy in seinem opportunistischen Rundumschlag zur Er\u00f6ffnung des WEF; dass er damit rund 50 Prozent der Teilnehmer einzunehmen vermochte, sagt viel \u00fcber deren Orientierungslosigkeit.    <\/p>\n<p>Tatsache ist allerdings, dass die freie Wirtschaft und Gesellschaft auf gemeinsamen Werten fusst. Sie kann nicht funktionieren, wenn die Menschen nicht zentrale moralische Auffassungen miteinander teilen. Moral kann durch Gesetze weder erzwungen noch in gr\u00f6sserem Ausmass ersetzt werden. Eine Gemeinschaft, in der alles geregelt w\u00e4re, entbehrte der Menschlichkeit und k\u00f6nnte nicht \u00fcberleben. Deshalb wirken die Bestrebungen, dem vermeintlichen und tats\u00e4chlichen Mangel an Anstand mittels Vorschriften beizukommen, hilflos, abgesehen davon, dass die Menschen in den letzten Jahren nicht pl\u00f6tzlich so viel schlechter geworden sind, dass sie nun geg\u00e4ngelt werden m\u00fcssten. Hingegen gibt es einige andere Arten von Werte-Erosionen, die zur Krise beigetragen haben und viel grundlegender unser Wirtschaftssystem untergraben.    <\/p>\n<p><em>Schn\u00e4ppchenj\u00e4ger und Spekulanten<\/em>    <\/p>\n<p>Zu ihnen z\u00e4hlt der markante Verlust an Langfristdenken. Kunden wechseln wegen eines Schn\u00e4ppchens das Gesch\u00e4ft. Private Partnerschaften sind immer weniger emotionale Investitionen in eine gemeinsame Zukunft. Politiker haben bei ihrem Tun bestenfalls die n\u00e4chsten vier, f\u00fcnf Jahre im Auge, oft genug sogar nur den Medieneffekt des Augenblicks. Investoren \u2013 auch der kleine Mann von der Strasse \u2013 ziehen sich von einem Unternehmen zur\u00fcck, wenn das Quartalsergebnis etwas schlechter ausf\u00e4llt. Angestellte vergessen wegen eines leicht h\u00f6heren Lohns, wie viel \u00abihre\u00bb Firma in sie investiert hat. Arbeitgeber entlassen langj\u00e4hrige Mitarbeiter, nur um im Aufschwung wieder neue einzustellen. Ein Mangel an Loyalit\u00e4t durchzieht das Zusammenleben und als Folge davon ein Mangel an Vertrauen. Schuld daran ist unter anderem ein falsches Verst\u00e4ndnis von Wettbewerb. Er verlangt n\u00e4mlich nicht, dass man stets die momentan g\u00fcnstigste Gelegenheit ergreift, sondern kann (und soll) durchaus einen Vergleich verschiedener Angebote in einer l\u00e4ngerfristigen Perspektive umfassen.    An Bedeutung verloren hat ferner die Verantwortung. Wie bei der Loyalit\u00e4t ist, was man auf den obersten Ebenen sieht und wor\u00fcber man sich dort emp\u00f6rt, auch im Kleinen zu beobachten. Wie viele schieben doch die Verantwortung f\u00fcr das eigene Schicksal auf den Sozialstaat. Wie viele betreiben in den Unternehmen Schwarzpeterspiele und wollen am Schluss f\u00fcr Fehlentscheide nicht verantwortlich sein \u2013 w\u00e4hrend der Erfolg viele V\u00e4ter hat. Wie elegant stehlen sich doch Bundesr\u00e4te ebenso aus der Verantwortung wie CEO. Oder sie sitzen Fehlentscheide einfach aus. G\u00e4be es mehr Verantwortung, m\u00fcsste es mehr R\u00fccktritte geben, nicht wegen Entscheiden unter Unsicherheit, die sich im Nachhinein als falsch erweisen, auch nicht jedes Fehlers wegen, denn sie geh\u00f6ren zum Leben, aber vielleicht doch, wenn die Zahl der Fehler zu gross oder ein einzelner Fehlentscheid zu gravierend ist. Ein Mangel an Verantwortung ist es auch, wenn die Aktion\u00e4re zu sorglos den Antr\u00e4gen der Verwaltungsr\u00e4te folgen, und erst recht, wenn sie im Falle unternehmerischen Scheiterns vom Staat vor einem Totalverlust gerettet werden wie die Aktion\u00e4re so vieler quasikonkursiter Banken, darunter auch die UBS.    <\/p>\n<p><em>Nicht nur der Finanzsektor<\/em>    <\/p>\n<p>Weiter ist die Orientierung am B\u00fcrger- und Kundennutzen im R\u00fcckzug. Das gilt, was den Staat betrifft, weniger in der Schweiz als in vielen L\u00e4ndern, in denen die B\u00fcrger nicht als Souver\u00e4n, sondern eher als widerborstige Steuerzahler betrachtet werden. Es gilt zudem ausgepr\u00e4gt im Finanzsektor, wo vor lauter Kasino-Mentalit\u00e4t im Investment Banking die dienende Funktion der Banken f\u00fcr die Realwirtschaft vernachl\u00e4ssigt wurde. Damit verkn\u00fcpft ist, dass zumindest einige \u00abmasters of the universe\u00bb vergessen haben, dass f\u00fcr Marktwirtschaften, die in Demokratien eingebettet sind, wie dies meist der Fall ist, permanent um die politische Akzeptanz gerungen werden muss. Das haben sie weitgehend unterlassen, vielleicht aus Mangel an Bescheidenheit, vielleicht aber auch, weil sie die Unm\u00f6glichkeit dieses Unterfangens erkannt haben. Es wird f\u00fcr eine grosse Mehrheit der Bev\u00f6lkerung wohl schlicht nie nachvollziehbar sein, dass unter Wettbewerbsbedingungen im Finanzsektor so viel h\u00f6here Gewinne und L\u00f6hne anfallen sollen als in der \u00abnormalen\u00bb Wirtschaft.    Bei einem der dominierenden Themen der Aufarbeitung der Krise, der \u00abtoo big to fail\u00bb-Problematik, die auch am WEF allgegenw\u00e4rtig ist, spielen all diese Werte wesentlich hinein. Staatliche Regulierung muss hier nicht strafen oder gar r\u00e4chen, sondern das Langfristdenken, das Prinzip der Haftung und die Orientierung am Kundennutzen st\u00e4rken und der gesellschaftlichen Akzeptanz Sorge tragen. Es w\u00e4re allerdings reichlich kurzsichtig, w\u00fcrde dies nur im Finanzsektor geschehen. Die Krise der Werte herrscht in anderen Bereichen der Wirtschaft, in Politik und Gesellschaft genauso, und sie kann dort m\u00f6glicherweise sogar noch gravierendere Folgekrisen ausl\u00f6sen als die, die wir in den letzten Jahren erlebt haben. Sie zeichnen sich mit Schuldenbergen und Inflationspotenzial bereits am Horizont ab. Doch stattdessen wird am WEF und anderswo lieber \u00fcber einen neuen Kapitalismus schwadroniert.      <\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2010\/01\/nzz_20100130_s1.pdf\">NZZ Samstag\/Sonntag, 30.\/31. 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