{"id":4878,"date":"2016-04-14T19:57:12","date_gmt":"2016-04-14T17:57:12","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=4878"},"modified":"2021-07-20T20:16:17","modified_gmt":"2021-07-20T18:16:17","slug":"die-suche-nach-der-liberalen-mitte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2016\/04\/14\/die-suche-nach-der-liberalen-mitte\/","title":{"rendered":"Die Suche nach der liberalen Mitte"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Donnerstag, 14. April 2016, Seite 27)                                            <\/p>\n<p><em>Anmerkungen zu Wilhelm R\u00f6pkes Modernit\u00e4t. <strong>Von Gerhard Schwarz<\/strong><\/em>    <\/p>\n<p><span style=\"font-size: 110%\">&#8220;Heuer sind es 50 Jahre her, dass einer der bedeutendsten Liberalen und \u00d6konomen des 20. Jahrhunderts, Wilhelm R\u00f6pke, gestorben ist. Anlass genug, sich mit einigen Facetten dieses f\u00fcr die Schweiz wichtigen Denkers auseinanderzusetzen.<\/span> <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27.jpg\" alt=\"\" width=\"1341\" height=\"1999\" class=\"alignnone size-full wp-image-4880\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27.jpg 1341w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27-201x300.jpg 201w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27-687x1024.jpg 687w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27-768x1145.jpg 768w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nzz_20160414_s27-1030x1536.jpg 1030w\" sizes=\"(max-width: 1341px) 100vw, 1341px\" \/><\/p>\n<p>Fluchtartig verliess er 1933 sein Land, um sich einer Verhaftung zu entziehen. Schon 1930 hatte er geschrieben: \u00abNiemand, der nationalsozialistisch w\u00e4hlt, soll sp\u00e4ter sagen k\u00f6nnen, er habe nicht gewusst, was daraus entstehen k\u00f6nnte.\u00bb Auch unmittelbar nach Hitlers Machtergreifung nahm der 1899 in der N\u00e4he von Hannover geborene Wilhelm R\u00f6pke, der bereits 1924 zum damals j\u00fcngsten Professor Deutschlands berufen worden war, kein Blatt vor den Mund. Seine Flucht f\u00fchrt ihn nach Istanbul, wo er bis 1937 als ordentlicher Professor f\u00fcr National\u00f6konomie lehrt, und dann bis zu seinem fr\u00fchen Tode am 12. Februar 1966 ans Institut des Hautes Etudes Internationales nach Genf.    <\/p>\n<p><strong>Antinazi und Antikommunist<\/strong>    <\/p>\n<p>In der Schweiz darf sich R\u00f6pke zun\u00e4chst wegen des Kriegs als Ausl\u00e4nder nicht \u00f6ffentlich \u00e4ussern. Ab etwa 1940 aber wird f\u00fcr ihn dank seiner freundschaftlichen Beziehung zu Willy Bretscher, dem langj\u00e4hrigen Chefredaktor, die \u00abNeue Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb (sp\u00e4ter dann auch die \u00abFrankfurter Allgemeine Zeitung\u00bb) zu seiner wichtigsten und einflussreichsten B\u00fchne. Sein letzter Artikel in der NZZ erscheint am 13. Februar 1966, einen Tag nach seinem Tod, noch bevor dieser \u2013 mit einem Aufmacher auf der ersten Seite des Blattes \u2013 am 14. Februar \u00f6ffentlich gemacht wird.    <\/p>\n<p>R\u00f6pke, der zunehmend vom \u00f6konomischen Wissenschafter zu einem der angesehensten antikommunistischen Publizisten ganz Europas wird, pr\u00e4gt mit seinen Leitartikeln und noch weiter ausholenden Analysen das liberale Denken in der Schweiz w\u00e4hrend und nach dem Kriege wie kaum ein anderer Intellektueller. Noch Anfang der 2000er Jahre, in denen der Autor dieser Zeilen die Ehre hat, die Wirtschaftsredaktion der NZZ zu leiten, flattern immer wieder Briefe von Lesern und Leserinnen in die Redaktion, die voller Respekt auf R\u00f6pke Bezug nehmen. Viele bringen zum Ausdruck, dass sie R\u00f6pke ihre liberale \u00dcberzeugung, ihren \u00abinneren Kompass\u00bb (so der Titel einer Sammlung von Briefen R\u00f6pkes) verdanken.    <\/p>\n<p><strong>Emp\u00f6rendes und Altmodisches<\/strong>    <\/p>\n<p>Trotzdem ist dieser Mann bis heute umstritten. Vieles tr\u00e4gt dazu bei. Erstens wirkt seine elit\u00e4re Haltung, sein Einstehen f\u00fcr eine \u00abnobilitas naturalis\u00bb, zu der er sich selbstverst\u00e4ndlich auch z\u00e4hlt, in einer demokratisierten Welt gelinde gesagt sperrig. Zweitens sind manche seiner Haltungen, etwa seine Unterst\u00fctzung der Apartheid und seine Ablehnung des Frauenstimmrechts, aus heutiger Sicht emp\u00f6rend. Aber einen Autor, der in einer Zeit gelebt hat, in der viele bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten \u2013 manchmal unbedacht \u2013 heute unverst\u00e4ndliche Meinungen vertreten oder zumindest geteilt haben, sollte man vern\u00fcnftigerweise nicht durch die Brille der Moderne beurteilen. Die Gr\u00fcndungsv\u00e4ter der USA bejahten zum Teil die Sklaverei \u2013 und bleiben dennoch Giganten der liberalen Geistes- und Verfassungsgeschichte.    <\/p>\n<p>Drittens stolpert man bei R\u00f6pke immer wieder \u00fcber despektierliche und unbesonnene Bemerkungen, vor allem in seinen Briefen und seinen nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit gedachten Aufzeichnungen. So attackiert er ob des \u00abDreckklumpenschmeissens\u00bb gegen ihn wegen eines S\u00fcdafrika-Artikels \u00abdiese Mistviecher \u2013 auch \u2039gelernte Christen\u203a, wie ich sie nenne, . . ., also Pfarrer, die mich vor Jahrhunderten wie Servet verbrannt h\u00e4tten\u00bb. Solche Ausbr\u00fcche sind, wie Hans J\u00f6rg Hennecke in seiner Biografie \u00abWilhelm R\u00f6pke. Ein Leben in der Brandung\u00bb schreibt, \u00abgetreues Spiegelbild eines \u00fcbersprudelnden Temperaments, das durch die Strenge der theoretischen Gedankenf\u00fchrung nur m\u00fchsam geb\u00e4ndigt wird\u00bb. Viertens tragen viele Sympathien und Antipathien, die R\u00f6pke hegt, romantische, hoffnungslos veraltete Z\u00fcge, wie sein Schw\u00e4rmen f\u00fcr Bauern und Handwerker, f\u00fcr alles L\u00e4ndliche, oder seine Verurteilung von Comics oder des Kinos als Ausdruck der Dekadenz.    <\/p>\n<p>Aber all das schm\u00e4lert weder seine Bedeutung noch sein Verdienst. Viele seiner zentralen Botschaften sind in der heutigen Zeit, in der die offene, marktwirtschaftliche Gesellschaft seelenlos zu werden droht und in der simple moralische Grunds\u00e4tze am Verschwinden zu sein scheinen, von Relevanz. Im Zentrum steht dabei der Wertkonservatismus des Liberalen R\u00f6pke, seine Verbindung von Markt und Moral. Daraus l\u00e4sst sich fast das ganze Gedankengut R\u00f6pkes erkl\u00e4ren.    <\/p>\n<p><strong>Nicht bloss \u00ab\u00f6konomistisch\u00bb<\/strong>    <\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst die ber\u00fchmte Einsicht, dass die Marktwirtschaft auf moralischen und kulturellen Grundlagen beruht, die sie nicht selbst hervorbringen kann (\u00abJenseits von Angebot und Nachfrage\u00bb), eine Idee, die der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang B\u00f6ckenf\u00f6rde 1976 \u00f6ffentlichkeitswirksam mit Blick auf den Rechtsstaat neu formuliert hat. Vor diesem Hintergrund fordert R\u00f6pke immer wieder Werte wie Selbstverantwortung, Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen, Ehrlichkeit, Treue, W\u00fcrde, Freundschaft oder Fairness ein. Und er ringt um das rechte Mass, um den Ausgleich, etwa zwischen Individuum und Gemeinschaft, zwischen Offenheit und Identit\u00e4t, selbst zwischen Freiheit und Bindung. Damit im Zusammenhang steht R\u00f6pkes vehemente Absage an jede zu enge, \u00ab\u00f6konomistische\u00bb Sicht von Wirtschaft und Gesellschaft. In der ber\u00fchmten Schrebergarten- Anekdote h\u00e4lt er jenen, die wie Ludwig von Mises die Ineffizienz dieser Form der Gem\u00fcseproduktion bel\u00e4cheln, die \u00abGl\u00fccksproduktion\u00bb entgegen, die in den Kleing\u00e4rten erfolgt.    <\/p>\n<p>R\u00f6pke ist zwar Marktwirtschafter durch und durch, aber er ist nicht nur Marktwirtschafter. Effizienz und Wohlstand sind ihm wichtig, aber sie sind nicht dominant. F\u00fcr die Freiheit w\u00e4re er bereit, Wohlstand zu opfern. \u00abMarktwirtschaft ist nicht genug\u00bb lautet der vielsagende Titel einer seiner Reden.    <\/p>\n<p>R\u00f6pkes kritische Haltung gegen\u00fcber kollektiven, staatsinterventionistischen und sozialistischen L\u00f6sungen hat damit zu tun, dass ihm jede Vermassung zutiefst suspekt ist. Zusammen mit der sie begleitenden Anonymit\u00e4t ist sie f\u00fcr ihn eine Wurzel zunehmender Verantwortungslosigkeit und eines galoppierenden Werteverlusts. Von daher durchzieht sein ganzes Schaffen ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr F\u00f6deralismus und Kleinheit bzw. gegen Zentralismus und politische Integration. Was Wunder, dass er als \u00fcberzeugter Europ\u00e4er und Gegner chauvinistischer Abschottung trotzdem relativ fr\u00fch beginnt, an der Europ\u00e4ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) Kritik zu \u00fcben, wo immer er Zentralismus und Nivellierung wittert. <\/p>\n<p><strong>Wertkonservativer Liberalismus<\/strong> <\/p>\n<p>Auch seine Kritik am Wohlfahrtsstaat, dieser \u00abkomfortablen Stallf\u00fctterung\u00bb, ist weniger \u00f6konomisch als humanistisch motiviert. Er ist \u00fcberzeugt \u2013 darin nicht un\u00e4hnlich Friedrich August von Hayek \u2013, dass die staatliche Sozialpolitik die soziale Sicherung in den traditionellen Kleingruppen der Familie und der Nachbarschaft verdr\u00e4ngt und zerst\u00f6rt. Und er bef\u00fcrchtet durch die Erh\u00f6hung der Steuerlast im Gefolge des Ausbaus des Sozialstaates eine Zerst\u00f6rung des Mittelstandes, eine zunehmende Abh\u00e4ngigkeit vom Staat und den Verlust des Freiheitsankers \u00abPrivateigentum\u00bb.    <\/p>\n<p>Aus dieser Haltung entwickelt R\u00f6pke in vielen seiner Artikel jenen wertkonservativen Liberalismus, der vielen Anfeindungen ausgesetzt ist, schon zu seiner Zeit und heute erst recht. Bei den sich als reine Techniker des Marktes verstehenden \u00d6konomen ist R\u00f6pke verp\u00f6nt, weil er die \u00d6konomie nicht als blutleere, wertfreie Wissenschaft versteht. Den radikalliberalen Libert\u00e4ren ist er suspekt, weil seine Suche nach einer liberalen Mitte ihrem Ziel der logischen Konsistenz entgegensteht. Bei den Konservativen finden seine Ideen kaum R\u00fcckhalt, weil er zu freih\u00e4ndlerisch, zu marktwirtschaftlich, zu staatsskeptisch argumentiert. Und den Sozialisten in allen Parteien muss er ohnehin ein Greuel sein, weil er sich mit der ganzen Autorit\u00e4t seiner Wissenschaft und mit der Kraft seiner bildhaften Sprache ungeachtet des Zeitgeistes f\u00fcr den Markt, f\u00fcr die Selbstverantwortung, f\u00fcr den Wettbewerb und f\u00fcr das Privateigentum einsetzt. Vielleicht erweist sich diese Einstellung in einigen Jahrzehnten im R\u00fcckblick als unglaublich modern.   <\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<span style=\"font-size: 90%\"><strong>Gerhard Schwarz<\/strong> wirkte bis Ende M\u00e4rz 2015 als Direktor der liberalen Denkfabrik \u00abAvenir Suisse\u00bb und war von 1994 bis 2010 Leiter der Wirtschaftsredaktion der NZZ.<\/span><\/p>\n<p>NZZ Donnerstag, 14. April 2016, Seite 27<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 WIRTSCHAFT &#8211; Donnerstag, 14. April 2016, Seite 27) Anmerkungen zu Wilhelm R\u00f6pkes Modernit\u00e4t. Von Gerhard Schwarz &#8220;Heuer sind es 50 Jahre her, dass einer der bedeutendsten Liberalen und \u00d6konomen des 20. Jahrhunderts, Wilhelm R\u00f6pke, gestorben ist. Anlass genug, sich mit einigen Facetten dieses f\u00fcr die Schweiz wichtigen Denkers auseinanderzusetzen. 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