{"id":567,"date":"2019-05-18T16:23:21","date_gmt":"2019-05-18T14:23:21","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=567"},"modified":"2021-11-04T10:21:43","modified_gmt":"2021-11-04T09:21:43","slug":"es-fehlt-am-mut-zur-selbstkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2019\/05\/18\/es-fehlt-am-mut-zur-selbstkritik\/","title":{"rendered":"Es fehlt am Mut zur Selbstkritik"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 MEDIEN &#8211; Samstag, 18. Mai 2019, Seite 9)     <\/p>\n<p><em><strong>Journalisten haben heute ein Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem. Dagegen hilft nur eine offensive Fehlerkultur<\/strong><\/em>   <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/personen\/susanne-gaschke\/\">SUSANNE GASCHKE<\/a>   <\/p>\n<p>Wer sind die Leser, die keine Zeitung mehr kaufen wollen, die online vor allem auf die reisserischsten \u00dcberschriften klicken, die die Medien inzwischen gern als L\u00fcgenpresse bezeichnen, sich aber selbst oft von Fake-News oder Verschw\u00f6rungstheorien beeindrucken lassen?    <\/p>\n<p>Die repr\u00e4sentative Mainzer \u00abLangzeitstudie Medienvertrauen\u00bb (2019) hat sich diesen Lesern, Zuschauern und Nutzern gen\u00e4hert. Sie stellt eine zunehmende Entfremdung fest. 2017 stimmten 18 Prozent der Deutschen der Aussage zu: \u00abDie Medien haben den Kontakt zu Menschen wie mir verloren.\u00bb Ein Jahr sp\u00e4ter, 2018, meinten dies bereits 27 Prozent. Das ist eine dramatische Steigerung. 2017 stimmten 36 Prozent der Aussage zu: \u00abIn meinem pers\u00f6nlichen Umfeld nehme ich die gesellschaftlichen Umst\u00e4nde ganz anders wahr, als sie von den Medien dargestellt werden.\u00bb 2018 waren es 43 Prozent.    <\/p>\n<p>Und nur 25 Prozent glauben, dass die mediale Berichterstattung zu Islam und Fl\u00fcchtlingskriminalit\u00e4t den Tatsachen entspricht. Das heisst: Drei Viertel teilen diese Ansicht nicht. Zum Trost f\u00fcr alle Angeh\u00f6rigen traditioneller Medien: Es halten auch nur 21 Prozent der Nutzer Internet-Suchmaschinen f\u00fcr glaubw\u00fcrdig. Und nur 4 Prozent glauben angeblich den Nachrichten, die sie aus sozialen Netzwerken beziehen.    <\/p>\n<p>Daf\u00fcr entfalten diese sozialen Netzwerke allerdings eine erstaunliche Wirkung im realen Leben \u2013 egal, ob es um Wahlentscheidungen, Mobbing, Kampagnen gegen missliebige Journalisten und Wissenschafter oder Strassenschlachten von verfeindeten Influencer-Fans geht. Wir haben es zunehmend mit einer Gesellschaft zu tun, in der sich jeder seine eigene Wahrheit zurechtmacht.    <\/p>\n<p><strong>Politisch-mediale Klasse<\/strong>    <\/p>\n<p>Diese radikale subjektivistische Wende geht einher mit einer sich vergr\u00f6ssernden Kluft zwischen Nicht-Politikern und Politikern. Kein Journalist sollte sich etwas vormachen:In denAugen der Entt\u00e4uschten und Misstrauischen sind Medien und Politik nur die zwei Seiten derselben Medaille. Wir Journalisten werden als Teil der politisch-medialen Klasse wahrgenommen; r\u00fchrt man noch die Hochschullehrer hinein, sind das \u00abdie Eliten\u00bb, gegen die Populisten zu Felde ziehen.    <\/p>\n<p>Den Mitb\u00fcrgern, Lesern, Zuschauern, Nutzern ist allerdings auch nur begrenzt zu trauen \u2013 jedenfalls ist ihnen kaum noch zuzutrauen,dass sie sich konzentriert und in die Tiefe gehend informieren. Zweieinhalb Stunden am Tag halten erwachsene Deutsche den Blick auf ihre digitalen Endger\u00e4te gesenkt. Bei 18-J\u00e4hrigen sind es viereinhalb Stunden t\u00e4glich. Das sind zwei bis drei Arbeitstage proWoche.    <\/p>\n<p>In dieser Zeit wird zwar \u2013 zum Teil \u2013 auch etwas gelesen oder geschrieben, aber es sind eher Instagram-Botschaften als historische Abhandlungen. Die Folge ist klar: Das Lesen langer Texte wird zur Qual, und das gilt nicht nur f\u00fcr politische Artikel, sondern auch f\u00fcr Literatur. Eltern echauffieren sich mittlerweile, wenn ihre Kinder einen ganzen Roman im Unterricht lesen sollen.    <\/p>\n<p>Gerade junge Leute fremdeln mit B\u00fcchern und Zeitungen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Interessen der 14- bis 29-J\u00e4hrigen, die das Institut f\u00fcr Demoskopie Allensbach seit Jahren ermittelt, sich kontinuierlich verengen: Nicht nur Politik und Wirtschaft stossen auf wenig Neugier, auch Literatur, bildende Kunst und klassische Musik werden immer weniger wahrgenommen. Womit man sich besch\u00e4ftigt, das sind Fragen zu Familie und Partnerschaft, Selbstoptimierung und Karriere, Mode und Digitalthemen.    <\/p>\n<p><strong>Hypermoralische Haltung<\/strong>    <\/p>\n<p>Es gibt allerdings auch manche guten Gr\u00fcnde f\u00fcr das Publikum, dem Journalismus unserer Zeit mit Skepsis zu begegnen. Unsinn sind dabei alle Verschw\u00f6rungstheorien, die von einer Art \u00abGleichschaltung\u00bb der Leitmedien zum Beispiel in der Fl\u00fcchtlingsfrage ausgehen. Das ist ein M\u00e4rchen. Allenfalls gibt es eine generelle Tendenz zu einer Art Selbstgleichschaltung, weil die Auflagenangst der Chefredakoren zu einer Themenkonvergenz f\u00fchrt. So entsteht der Eindruck, dass alle das Gleiche schreiben. Aber das eigentliche Problem liegt woanders: Bei vielen Journalisten hat sich in den vergangenen dreissig Jahren eine ungute Haltung herausgebildet, ein Hang zur Besserwisserei und zum hypermoralischen Schiedsrichtertum.    <\/p>\n<p>Ich halte das f\u00fcr eine Folge der \u00dcberwindung des Systemkonflikts. In den ideologischen Zeiten des Kalten Krieges waren auch Journalisten oft politisch kenntlich und dem linken oder dem rechten Lager zuzuordnen. Dem Leser oder Zuschauer traute man damals das Urteilsverm\u00f6gen zu, die Qualit\u00e4t dieser politisch verortbaren Berichterstattung selbst zu bewerten und sie entweder zu m\u00f6gen oder nicht zu m\u00f6gen.    <\/p>\n<p>Doch mit den Phantasien vom Ende der Geschichte machte sich die Fiktion einer \u00abobjektiv richtigen\u00bb, quasi wissenschaftlich ermittelbaren Wirtschafts- und Sozialpolitik breit \u2013 und parallel dazu die Vorstellung, es gebe einen \u00abneutralen \u00bb, \u00abobjektiv richtigen\u00bb Journalismus. Das war nat\u00fcrlich eine falsche Annahme, denn (da lagen die Achtundsechziger einmal nicht verkehrt) jeder Mensch hat nun einmal erkenntnisleitende Interessen, die seinen Blick auf die Welt pr\u00e4gen.    <\/p>\n<p>Doch die Journalisten fingen an, selbst an ihre vermeintliche Neutralit\u00e4t zu glauben \u2013 und in Verbindung damit entwickelte sich eine \u00dcberheblichkeit, die manchmal nur schwer zu ertragen ist. Diese latente Hoffart der ja nur selbst ernannten, demokratisch durch nichts legitimierten Schiedsrichter hatte bereits angefangen, die Leute zu \u00e4rgern, bevor die Ankunft des Internets und die daraus folgenden Disruptionen die Journalisten in Panik und Existenzangst versetzten.    <\/p>\n<p><strong>Das \u00abSpiegel\u00bb-Problem<\/strong>    <\/p>\n<p>In kaum einem anderen Berufsstand gibt es eine so schlechte Fehlerkultur, eine so unterentwickelte F\u00e4higkeit zur Selbstkritik, eine solche Mimosenhaftigkeit und einen derartigen Korpsgeist, wenn ein Medium angegriffen wird. Journalisten, die fast die Existenz von Menschen vernichten, entwickeln Herzrhythmusst\u00f6rungen, wenn der Chefredaktor sie schief anguckt.    <\/p>\n<p>Der \u00abSpiegel\u00bb, in vielerlei Hinsicht eins der weniger subtilen deutschen Bl\u00e4tter, hat das im Fall des fr\u00fcheren Bundespr\u00e4sidenten Christian Wulff exemplarisch vorgef\u00fchrt. Dass man sich mit keinem Wort f\u00fcr die weitgehend substanzlose Berichterstattung entschuldigte, versteht sich von selbst \u2013 das haben die wenigsten Redaktionen getan.    <\/p>\n<p>Doch auch als Wulffs Buch \u00abGanz oben, ganz unten\u00bb erschien, in dem er, wie ich finde: ziemlich zur\u00fcckhaltend, die brutale Skandalisierung seiner Person schildert, sah beim \u00abSpiegel\u00bb niemand Anlass zur Nachdenklichkeit. Im Gegenteil: Drei \u00abSpiegel\u00bb-Redaktoren, die auf ihrer Seite keinerlei Fehlverhalten erkennen konnten, r\u00fcckten zum Interview mit einem Ex-Pr\u00e4sidenten an.    <\/p>\n<p>Im Editorial zu diesem Verh\u00f6r schrieb ein Kollege emp\u00f6rt: \u00abWie unvoreingenommen k\u00f6nnen Journalisten noch berichten, wenn ihr eigenes Verhalten infrage gestellt wird?\u00bb Nach all dieser Zeit finde ich immer noch: ein unfassbarer Satz. Absolut jeder Berufst\u00e4tige \u2013 Politiker, Zugbegleiter, Hals-Nasen-Ohren- Arzt, Lehrer, Rechtsanwalt oder Friseur \u2013 muss es ertragen, dass die Qualit\u00e4t seiner Arbeit auch und gerade von Betroffenen beurteilt wird. Aber f\u00fcr Journalisten, nur f\u00fcr Journalisten, soll das nicht gelten?    <\/p>\n<p>Dann kam auch noch Claas Relotius. Dessen moralisierende, vor allem aber: ausgedachte Geschichten waren nat\u00fcrlich Wasser auf die M\u00fchlen all derjenigen, die sowieso \u00fcberzeugt sind, dass \u00abwir\u00bb von der L\u00fcgenpresse entweder unsere Geschichten erfinden oder aus dem Kanzleramt ferngesteuert werden. Insofern war der ganze Vorgang ziemlich schlecht f\u00fcr die ganze gebeutelte Branche.    <\/p>\n<p>Besonders interessant war aber, wie der \u00abSpiegel\u00bb mit der Sache umging: Nat\u00fcrlich gab es die allerdollste, schonungsloseste Aufkl\u00e4rung, die man sich h\u00e4tte vorstellen k\u00f6nnen. Darunter macht der \u00abSpiegel\u00bb es einfach nicht. Nachhaltig ge\u00e4ndert hat diese \u00abAufarbeitung\u00bb freilich nichts: Nach wie vor werden kritische Leserbriefschreiber von den Autoren abgewatscht, noch immer gibt es allzu gef\u00fchlige Reportagen und viel Besserwisserei.    <\/p>\n<p>Was also ist zu tun gegen Konzentrationsst\u00f6rungen, Verflachung und Zerstreuung auf der einen und Polarisierung, Radikalisierung und Vertrauensverlust auf der anderen Seite? Wie verhindern wir die Selbstabschaffung der Demokratie? Ich mache kein Hehl daraus, dass ich die Zukunft skeptisch sehe. Und ich weiss kein Allheilmittel.    <\/p>\n<p><strong>Die Lektionen<\/strong>    <\/p>\n<p>Allerdings haben wir uns auch mit anderen Grosstechnologien, etwa der Atomkraft oder der Gentechnik, kritisch auseinandergesetzt \u2013 es gibt also keinen Zwang, jeden Aspekt der digitalen Entwicklung als gottgegeben hinzunehmen. Wir m\u00fcssen nur endlich eine politische Diskussion dar\u00fcber beginnen, in welche Richtung wir gehen wollen. Die Europ\u00e4ische Urheberrechtsrichtlinie scheint mir da ein sinnvoller erster Schritt.    <\/p>\n<p>Und dann m\u00fcssen wir verschiedene Bereiche, die ich hier aufgerufen habe, einzeln in den Blick nehmen. Schulkinder brauchen guten Lese- und Schreibunterricht, der ihnen Souver\u00e4nit\u00e4t im Umgang mit Texten, vor allem aber erst einmal Freude am Lesen bringt. Und sie brauchen dringend mehr Geschichts-, Politik-, Wirtschafts- und Philosophieunterricht, als sie gegenw\u00e4rtig bekommen. Sie m\u00fcssen lernen, auch am praktischen Beispiel, wie Partizipation und Demokratie funktionieren \u2013 und dass auch politisches Engagement ihnen zuerst einmal Spass machen darf.    <\/p>\n<p>Wir brauchen eine Reform der Journalistenausbildung \u2013 weniger auf Preise orientierte Sch\u00f6nschreiberei in den Journalistenschulen, mehr Praxis im Feld, mehr Reflexion des eigenen Wirkens, mehr Bescheidenheit, bessere Fehlerkultur. Eine ernst gemeinte Fehlerkultur brauchen auch die Medien selbst \u2013 und sie m\u00fcssen einander gegenseitig st\u00e4rker kritisieren, denn wer sollte es sonst tun? Nur dann werden sie ihrer Aufgabe in der Demokratie gerecht.    <\/p>\n<p>Wird all das geschehen? Einer der V\u00e4ter der amerikanischen Verfassung, James Madison, hat gesagt: \u00abDie Pathologien der Freiheit k\u00f6nnen so gef\u00e4hrlich sein wie die Pathologien der Tyrannei \u2013 nur viel schwerer zu erkennen und zu heilen.\u00bb <\/p>\n<p>Also m\u00fcssen wir heute versuchen zu erkennen. Und wir m\u00fcssen versuchen zu heilen.    <\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<span style=\"font-size: 90%\">Beim vorliegenden Text handelt es sich um die redigierte und gek\u00fcrzte Fassung eines Vortrags, den Susanne Gaschke an der <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/veranstaltungen\/economic-conferences-und-andere-anlaesse\/kriselnde-medien-gefaehrdete-demokratie\/\">48. Economic Conference<\/a> der Progress Foundation am 3. Mai in Z\u00fcrich gehalten hat.<\/span><\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/nzz_20190518_s9.pdf\">NZZ 18. Mai 2019, Seite 9<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 MEDIEN &#8211; Samstag, 18. Mai 2019, Seite 9) Journalisten haben heute ein Glaubw\u00fcrdigkeitsproblem. 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