{"id":7281,"date":"2022-06-20T14:32:01","date_gmt":"2022-06-20T12:32:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.progress-foundation.ch\/?p=7281"},"modified":"2022-06-20T14:39:50","modified_gmt":"2022-06-20T12:39:50","slug":"sollen-wir-alles-genau-so-erhalten-wie-es-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2022\/06\/20\/sollen-wir-alles-genau-so-erhalten-wie-es-ist\/","title":{"rendered":"Sollen wir alles genau so erhalten, wie es ist?"},"content":{"rendered":"<p>(Nzz.ch, 31.05.2022)<\/p>\n<p><strong style=\"font-size:110%\">Die Umwelt- und Klimapolitik ist reich an Zuspitzungen und Verengungen. Besonders beliebt ist die Forderung, man m\u00fcsse die Welt genau so erhalten, wie sie ist. Daran haben sich die Menschen durch ihre Geschichte hindurch zum Gl\u00fcck nie gehalten. Sie sollten sich auch jetzt nicht der Tyrannei des Status quo unterwerfen.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gerhard Schwarz<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_7285\" aria-describedby=\"caption-attachment-7285\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1739881211.webp\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"666\" class=\"size-full wp-image-7285\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1739881211.webp 1000w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1739881211-300x200.webp 300w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1739881211-768x511.webp 768w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/shutterstock_1739881211-930x620.webp 930w\" sizes=\"(max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-7285\" class=\"wp-caption-text\">Nicht jedes St\u00fcck Wald muss kompensiert werden.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Auseinandersetzungen \u00fcber Klima und Umwelt sind ein Paradebeispiel f\u00fcr die Polarisierung der westlichen Gesellschaften. Zu ihr tragen alle bei, die \u00f6kologische Probleme leugnen. Zum Gl\u00fcck repr\u00e4sentieren sie aber einen schwindenden Teil der Bev\u00f6lkerung. Mindestens ebenso zur Spaltung tragen jene bei, die mit dem Weltuntergang drohen, wenn die Menschheit nicht subito auf einen Pfad massiven Verzichts einschwenkt.<\/p>\n<p>Sie lenken damit von einer konstruktiven, erfolgversprechenden \u00abStep by step\u00bb-Politik ab, und sie neigen dazu, Rechtsbr\u00fcche sowie Gewalt gegen Sachen, ja gegen Menschen damit zu rechtfertigen, dass es um die Rettung der Welt gehe. Auf dieser Basis wird eine Voraussetzung der Demokratie, der respektvolle Dialog, unm\u00f6glich.<\/p>\n<p><strong>Totalit\u00e4re Sprengkraft<\/strong><\/p>\n<p>Dem Mix aus Katastrophenprophezeiungen, der \u00dcberzeugung, im alleinigen Besitz der Wahrheit zu sein, und dem Versprechen eines \u00absicheren\u00bb Auswegs wohnt totalit\u00e4re Sprengkraft inne. Eine Aussage st\u00f6sst mir als Ausdruck dieser engen Haltung besonders auf. Sie lautet, wir m\u00fcssten der n\u00e4chsten Generation die Welt so \u00fcbergeben, wie wir sie angetroffen h\u00e4tten. Ich halte das f\u00fcr Unsinn, auch wenn es gut t\u00f6nt. Obwohl: T\u00f6nt es \u00fcberhaupt gut? Wer will schon seinen Kindern genau das vererben, was er von den Eltern erhalten hat? Meist m\u00f6chte man ein gr\u00f6sseres und anderes Erbe weitergeben \u2013 etwa in Form von Bildung.<\/p>\n<p>1987 hob der Brundtland-Bericht den Begriff der Nachhaltigkeit aufs Podest der Umweltpolitik. Eine Entwicklung galt als nachhaltig, wenn die Bed\u00fcrfnisse der Gegenwart befriedigt wurden, ohne dass man riskierte, dass deswegen k\u00fcnftige Generationen ihre Bed\u00fcrfnisse nicht stillen k\u00f6nnen. Irgendwann wurde dieses offene Konzept durch die enge, konservative Vorstellung pervertiert, man m\u00fcsse alles genau so erhalten, wie es ist.<\/p>\n<p>Robert Solow, Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften, hat das schon 1992 luzide kritisiert. Es gehe bei der Nachhaltigkeit nur um die langfristige Sicherung der F\u00e4higkeit, wirtschaftliche Wohlfahrt zu schaffen. Basis sei der Erhalt des Kapitals im weitesten Sinne, also Finanzkapital, Sachkapital, Sozialkapital, Umweltkapital usw., wobei aber nicht jeder einzelne Teil des Kapitalbestands erhalten werden m\u00fcsse. Vielmehr seien Trade-offs und Substitutionen nicht nur erlaubt, sondern wesentlich.<\/p>\n<p><strong>Holprige Strassen und ein rudiment\u00e4res Bahnnetz<\/strong><\/p>\n<p>Bei menschengemachter Infrastruktur ist das evident. H\u00e4tten sich die Vorv\u00e4ter auf Erhaltungsinvestitionen beschr\u00e4nkt, w\u00fcrden wir noch heute auf holprigen Strassen und einem rudiment\u00e4ren Bahnnetz herumfahren. Aber sie haben in mehr Sicherheit, Komfort und Schnelligkeit investiert, unter Inkaufnahme von Umweltbelastungen sowie unter Verzicht auf Konsum und auf Investitionen in andere Bereiche.<\/p>\n<p>Man kann nicht alles gleichzeitig haben. F\u00fcr die Umwelt gilt das auch. Die Welt, die wir hinterlassen, soll nicht einfach die Welt von heute oder gar gestern sein, sie soll nur langfristig stabil und in der Summe lebenswert sein. Nicht jedes St\u00fcck Wald oder Wiese muss kompensiert werden. Der Status quo eignet sich selten als Richtschnur \u2013 auch in der Umwelt- und Klimapolitik.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p>Gerhard Schwarz war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Pr\u00e4sident der Progress Foundation.<\/p>\n<\/div>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/umwelt-und-klima-sollen-wir-alles-erhalten-wie-es-ist-ld.1686532\">https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/umwelt-und-klima-sollen-wir-alles-erhalten-wie-es-ist-ld.1686532<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Nzz.ch, 31.05.2022) Die Umwelt- und Klimapolitik ist reich an Zuspitzungen und Verengungen. Besonders beliebt ist die Forderung, man m\u00fcsse die Welt genau so erhalten, wie sie ist. Daran haben sich die Menschen durch ihre Geschichte hindurch zum Gl\u00fcck nie gehalten. 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