{"id":766,"date":"2017-07-13T01:39:33","date_gmt":"2017-07-12T23:39:33","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=766"},"modified":"2021-07-12T22:05:36","modified_gmt":"2021-07-12T20:05:36","slug":"der-grosse-vorteil-von-kleinen-staaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2017\/07\/13\/der-grosse-vorteil-von-kleinen-staaten\/","title":{"rendered":"Der grosse Vorteil von kleinen Staaten"},"content":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 SACHB\u00dcCHER &#8211; Donnerstag, 13. Juli 2017, Seite 40)               <\/p>\n<p><em><strong>Trotz Brexit geht der Trend in Europa hin zu einer immer enger zusammenr\u00fcckenden EU. Dabei haben eigenst\u00e4ndige kleine Staaten \u00f6konomisch viele Vorteile. Sollte Europa daher den globalen M\u00e4chten mit einer neuen Kleinstaaterei entgegentreten?<\/strong><\/em>   <\/p>\n<p><em>Von Michael Rasch<\/em>   <\/p>\n<p>\u00abSmall is beautiful\u00bb, fand bereits der britische \u00d6konom Ernst Friedrich Schumacher, der 1973 in seinem gleichnamigen Weltbestseller die R\u00fcckkehr zum menschlichen Mass forderte. Noch treffender k\u00f6nnte man titeln: \u00abSmall is successful \u00bb, jedenfalls mit Blick auf kleine Staaten gegen\u00fcber ihren grossen Konkurrenten. Unter den zehn wettbewerbsf\u00e4higsten L\u00e4ndern der Welt befanden sich dieses Jahr neun Klein- oder Kleinststaaten. An der Spitze des vom Lausanner Managementinstitut IMD herausgegebenen Rankings rangierten Hongkong, die Schweiz und Singapur. Mit den USA schaffte es die erste Grossmacht nur auf Platz vier. Von den grossen europ\u00e4ischen Staaten erreichten mit der Wettbewerbslokomotive Deutschland auf Platz 13 und Grossbritannien auf Rang 19 nur zwei die Top 20. Sind kleine Staaten einfach besser und vor allem erfolgreicher als Grossm\u00e4chte?    <\/p>\n<p><strong>Globaler Gigantismus<\/strong>    <\/p>\n<p>Was politisch noch angezweifelt werden mag, scheint aus \u00f6konomischer Warte angesichts der vielen Wirtschafts-Ranglisten mit Kleinstaaten auf den vordersten Pl\u00e4tzen evident. Das hat gerade heutzutage eine hohe Sprengkraft, denn die Kenntnis von Erfolg und Robustheit der Kleinstaaten l\u00e4uft einer zentralen These von EU-Bef\u00fcrwortern und Euromantikern diametral entgegen, n\u00e4mlich, dass der immer engere Zusammenschluss der europ\u00e4ischen Staaten in einer Welt der Globalisierung zwingend notwendig ist, damit sich diese unter den globalen Grossm\u00e4chten behaupten k\u00f6nnen, da dazu selbst Europas grosse Nationen Deutschland, Grossbritannien und Frankreich nicht bedeutend genug sind. Das gilt laut den Vertretern dieser These wohl umso mehr in einer Zeit, in der die USA die Ellbogen sogar gegen Verb\u00fcndete ausfahren, Russland milit\u00e4risch neue Kraft gewinnt und sich China politisch und \u00f6konomisch einen immer besseren Platz auf der Weltb\u00fchne sichern will.    <\/p>\n<p>Doch w\u00e4re die kl\u00fcgere Reaktion im Spiel der Grossm\u00e4chte nicht eine Hinwendung zur erfolgreichen Kleinstaaterei, statt beim globalen Gigantismus mitmischen zu wollen? F\u00fcr die \u00d6konomen Andreas Marquart und Philipp Bagus ist die Antwort eindeutig: \u00abWir schaffen das \u2013 alleine!\u00bb, schreiben sie in ihrem unl\u00e4ngst erschienenen gleichnamigen Buch und erl\u00e4utern darin \u00fcberzeugend, dass kleine Staaten stabiler und n\u00e4her bei den Menschen sind, weniger B\u00fcrokratie und daf\u00fcr mehr politischen Wettbewerb produzieren sowie dem friedlichen Zusammenleben der Menschen besser dienen.    <\/p>\n<p>Die Autoren betrachten die Themen aus dem Blickwinkel des Individuums, was Politiker, nicht nur in Br\u00fcssel, eben h\u00e4ufig gerade nicht tun. Der wichtigste Wert der europ\u00e4ischen Kultur ist f\u00fcr sie die individuelle Freiheit. Eigentumsund Freiheitsrechte, die nirgendwo sonst auf der Welt so gut gedeihen konnten, seien die Basis f\u00fcr die \u00dcberwindung der Massenarmut durch die industrielle Revolution gewesen. Und aus der freiheitlichen Fragmentierung habe sich die charakteristische Vielfalt in Europa ergeben. Von diesem Europa der Vielfalt und dem daraus resultierenden Wettbewerb gingen musikalische, k\u00fcnstlerische, literarische, wissenschaftliche und wirtschaftliche Innovationen aus, die die ganze Welt ver\u00e4nderten.    <\/p>\n<p>Doch dieses Europa der Vielfalt sehen sie in Gefahr durch eine Europ\u00e4ische Union, die f\u00fcr Zentralisierung und Harmonisierung steht, wogegen Kleinstaaten zwecks Erhalt von Wohlstand und Prosperit\u00e4t zu Dezentralit\u00e4t und Wettbewerb geradezu gezwungen sind. In kleinen L\u00e4ndern sind letztlich die Auswirkungen schlechter Politik schneller und unmittelbarer sichtbar, weil Dezentralit\u00e4t einen engeren Kontakt zu den B\u00fcrgern erm\u00f6glicht, ja diesen f\u00f6rmlich sichert, w\u00e4hrend er in grossen Verwaltungsstrukturen vollst\u00e4ndig verloren geht. Daf\u00fcr d\u00fcrfte die EU dieser Tage ein perfektes Beispiel sein, was sich schliesslich im beschlossenen Austritt Grossbritanniens sowie in der Unzufriedenheit vieler B\u00fcrger in fast allen Mitgliedstaaten mit \u00abdenen\u00bb in Br\u00fcssel spiegelt.    <\/p>\n<p>Immer mehr Menschen in Europa scheinen der Ansicht zu sein, dass die Ziele der Br\u00fcsseler B\u00fcrokratie \u2013 etwa Machtstreben, Verhinderung von Wettbewerb und Gleichmacherei \u2013 mit den Interessen der B\u00fcrger in den verschiedenen L\u00e4ndern und Regionen nicht vereinbar sind und die Menschen auf der Strecke bleiben. Wenn man dies, wie die EU-Skeptiker, konsequent zu Ende denkt, reichen ein Stopp und eine Umkehr des Integrationsprozesses nicht aus. Dann muss die Desintegration viel weiter gehen.    <\/p>\n<p><strong>Die Schweiz als Gegenentwurf<\/strong>    <\/p>\n<p>Das schwenkt den Fokus auf die Schweiz, die sich in den Augen von manchem Einwohner eher als ein f\u00f6deralistischer Bund von kantonalen Kleinstaaten als eine einheitliche Nation versteht. Sie ist eindeutig der Gegenentwurf zur EU und sitzt im Herzen Europas wie ein Stachel im Fleisch der Br\u00fcsseler Beamten \u2013 umzingelt von EU-Staaten. Die Eidgenossenschaft ist wohl selbst in den Augen vieler EU-Freunde eine unabdingbare Mahnung, wie erfolgreich kontr\u00e4re Modelle sein k\u00f6nnen.    <\/p>\n<p>Ob der Kleinstaat Schweiz ein Auslauf- oder ein Erfolgsmodell ist, wird die Geschichte weisen. Derzeit deutet fast alles auf Letzteres hin. Zu diesem Urteil kommen \u00fcberwiegend auch die Autoren des Buchs \u00abKleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell?\u00bb, einer von Konrad Hummler, Franz Jaeger und der Progress Foundation herausgegebenen Aufsatzsammlung, in der ebenfalls der Charme der kleinen Einheit herausgearbeitet wird.    <\/p>\n<p>In Kleinstaaten ist beispielsweise in fast jeder Gegend die Grenze nah. Das erleichtert den B\u00fcrgern in einer freien Gesellschaft den \u00abExit\u00bb. Je kleiner die Einheiten sind, desto leichter kann man den Staat wechseln. So wird der B\u00fcrger im Idealfall zum umworbenen Kunden, der jederzeit den Anbieter staatlicher Leistungen tauschen kann. Landesgrenzen zeigen auch den Politikern die Grenzen auf \u2013 und begrenzen ihre Bedeutung. Den Schweizer Bundespr\u00e4sidenten kennt im Ausland kaum jemand, und selbst mancher Schweizer weiss nicht, wer das Amt gerade innehat. Direkte Demokratie und Eigenverantwortung der B\u00fcrger sorgen daf\u00fcr, dass er sich nur begrenzt einmischen kann. In anderen L\u00e4ndern mischen sich Politiker gewaltig ein \u2013 und deshalb kennt man sie auch.   <\/p>\n<p>Nachteile von Kleinstaaten lassen sich oft durch Kooperation ausgleichen, etwa bei der Bereitstellung von \u00f6ffentlichen G\u00fctern. So k\u00f6nnten die Niederlande und ein unabh\u00e4ngiges Niedersachsen eine gemeinsame Deichlinie bauen, und unabh\u00e4ngige Kleinststaaten k\u00f6nnten sich gem\u00e4ss dem Beispiel der Hanse auch zur Verteidigung zusammenschliessen.    <\/p>\n<p><strong>Zerschlagung von Grossm\u00e4chten<\/strong>    <\/p>\n<p>Die Ideen der Autoren sind nicht neu, sondern werden, meist im kleinen Kreis, seit Jahrzehnten diskutiert. So forderte der \u00d6sterreicher Leopold Kohr bereits 1941 in seinem Aufsatz \u00abDisunion now\u00bb die Zerschlagung von Grossm\u00e4chten. Der Text war die Basis f\u00fcr das 1957 erschienene Werk \u00abThe Breakdown of Nations\u00bb. Der National\u00f6konom und Politik-Philosoph war der Meinung, dass Gr\u00f6sse ein zentrales Problem sei und es deshalb grosse Einheiten zu zerschlagen gelte. Kohr war ein Bef\u00fcrworter einer Kleinstaaten-Welt und eines Europas der Regionen. So meinte er, dass man allein Frankreich in acht solche Regionen zerteilen k\u00f6nnte, Italien in sechs und Spanien in f\u00fcnf.    <\/p>\n<p>Als seinen wichtigsten Lehrer hatte der 1994 verstorbene Kohr den eingangs erw\u00e4hnten Ernst Friedrich Schumacher bezeichnet, der mit seinem Buch \u00abSmall is beautiful\u00bb weltweite Ber\u00fchmtheit erlangte. Kunst und K\u00f6nnen der Kleinstaaten sind aktueller denn je angesichts einer EU, die sich trotz dem Warnschuss Brexit im wahrsten Wortsinn noch immer im \u00abGr\u00f6ssenwahn\u00bb befindet. <\/p>\n<p>&#8212;<br \/>\n<span style=\"font-size:80%\">Andreas Marquart, Philipp Bagus: Wir schaffen das \u2013 alleine! Warum kleine Staaten einfach besser sind. Finanzbuch-Verlag, M\u00fcnchen 2017. 160 S., Fr. 21.90.<br \/>\nKonrad Hummler, Franz Jaeger (Hrsg.): <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/publikationen\/buecher\/kleinstaat-schweiz-auslauf-oder-erfolgsmodell\/\">Kleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell?<\/a> NZZ Libro, Z\u00fcrich 2017. 374 S., Fr. 49.\u2013.<\/span><\/p>\n<p><i class=\"fa fa-file-pdf-o\" aria-hidden=\"true\"><\/i> <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/nzz_20170713_s40.pdf\">NZZ 13. Juli 2017, Seite 40<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(NZZ \u2013 SACHB\u00dcCHER &#8211; Donnerstag, 13. Juli 2017, Seite 40) Trotz Brexit geht der Trend in Europa hin zu einer immer enger zusammenr\u00fcckenden EU. Dabei haben eigenst\u00e4ndige kleine Staaten \u00f6konomisch viele Vorteile. Sollte Europa daher den globalen M\u00e4chten mit einer neuen Kleinstaaterei entgegentreten? 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