{"id":782,"date":"2017-06-23T02:16:42","date_gmt":"2017-06-23T00:16:42","guid":{"rendered":"http:\/\/progress-foundation.nexline.ch\/?p=782"},"modified":"2021-07-17T17:29:45","modified_gmt":"2021-07-17T15:29:45","slug":"kleinstaat-schweiz-auslauf-oder-erfolgsmodell-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2017\/06\/23\/kleinstaat-schweiz-auslauf-oder-erfolgsmodell-interview\/","title":{"rendered":"Kleinstaat Schweiz &#8211; Auslauf- oder Erfolgsmodell? (Interview)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Konrad Hummler zum neu erschienenen Buch \u201eKleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell?\u201c, bei dem er gemeinsam mit Franz Jaeger Herausgeber und Mitautor ist.<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_783\" aria-describedby=\"caption-attachment-783\" style=\"width: 651px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/20170623-hummler_konrad.jpg\" alt=\"\" width=\"651\" height=\"309\" class=\"size-full wp-image-783\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/20170623-hummler_konrad.jpg 651w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/20170623-hummler_konrad-300x142.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 651px) 100vw, 651px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-783\" class=\"wp-caption-text\">Konrad Hummler<\/figcaption><\/figure>\n<p><em><strong>In diesen Tagen erscheint das Buch \u201eKleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell\u201c \u2026 ist die Schweiz ein Auslaufmodell?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ob der Kleinstaat ein Erfolgsmodell bleiben kann oder eben doch irgendwann, vermutlich schleichend, zum Auslaufmodell wird, ist nicht eine prinzipielle Frage. Entscheidend ist vielmehr die Willensfrage. Man muss Kleinstaat sein wollen. Es gibt Unverzichtbarkeiten. Es gibt Grenzen der Verw\u00e4sserung, sowohl in materieller als auch in personeller Hinsicht. Die gegenw\u00e4rtige Zeitenwende wird diese Willensfrage stellen. Unser Buch soll als ein Beitrag zur Sch\u00e4rfung der Sinne verstanden werden. Auf dass nach gehabter Debatte eine konsensual getragene Doktrin unser Land in eine von Freiheit, Wohlstand und Recht gepr\u00e4gte Zukunft f\u00fchre.<\/p>\n<p><em><strong>Sind Kleinstaaten wie die Schweiz mit den Herausforderungen der Globalisierung \u00fcberfordert? Das jedenfalls behaupten EU-Politiker, dass nur noch die Gro\u00dfstaaten bestehen k\u00f6nnen\u2026<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Theorie und Empirie weisen darauf hin, dass die machtferne kleine Nation in vielen weltpolitischen Situationen ihre Vorz\u00fcge hat. Um in deutlich schwierigeren, komplexeren Zeiten als kleine Nation \u00fcberleben und gedeihen zu k\u00f6nnen, braucht es aber wohl einen gewissen inneren Konsens. Der Schweiz fehlt ein heute kleinster gemeinsamer Nenner, mit dem, von Ausnahmen zur Linken und zur Rechten abgesehen, sozusagen alle einverstanden sein k\u00f6nnten. Ein kleinster gemeinsamer Nenner, den zu verletzen kein Bundesrat, kein Bundesbeamter, kein Richter wagen w\u00fcrde. Ein kleinster gemeinsamer Nenner, von dem das Volk w\u00fcsste, dass keine doppelten Agenden ihn langsam, aber sicher erodieren lassen. Ein kleinster gemeinsamer Nenner, der auch in schwierigen Zeiten gehalten und verteidigt werden kann.<\/p>\n<p><em><strong>Beschreiben Sie doch bitte etwas n\u00e4her, wie sich solch ein \u201egemeinsamer Nenner\u201c definieren k\u00f6nnte?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Genau so, wie man die Frage beantwortet nach jenen f\u00fcnf Dingen, die man auf eine einsame Insel mitn\u00e4hme, wenn man es denn m\u00fcsste: das wirklich Unverzichtbare. Das sind f\u00fcr die Schweiz gewiss die gewachsene f\u00f6derale Struktur mit den hohen Entscheidungskompetenzen auf unterer Ebene, die Mitsprache des Volkes in Angelegenheiten der Staatsf\u00fchrung, der ausgepr\u00e4gte Sinn f\u00fcrs Masshalten bei Begehrlichkeiten gegen\u00fcber dem Staat, die Gew\u00e4hrleistung des privaten Eigentums sowie das partizipative und nicht obrigkeitliche Staatsverst\u00e4ndnis. Dahinter steht selbstverst\u00e4ndlich die Idee des freiwilligen Zusammenschlusses von citoyens und Bundesstaaten zur grossen Kooperative Schweiz.<\/p>\n<p><em><strong>Wie stark sind die \u201ePro EU\u201c Kr\u00e4fte in der Schweiz?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Schweiz hat sich, mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t und Begeisterung zwar, dem Beitritt zur EU stets verschlossen. Der monistische Versuch auf dem europ\u00e4ischen Kontinent war jedoch \u00fcber die letzten Jahrzehnte die wohl gr\u00f6sste Herausforderung f\u00fcr die Schweiz als Kleinstaat. Dies einmal aus ganz praktischen Gr\u00fcnden, denn die wirtschaftlichen Verflechtungen sind zu betr\u00e4chtlich, die Abh\u00e4ngigkeit der Exportnation Schweiz vom europ\u00e4ischen Umland zu offensichtlich, als dass in der Schweiz nicht wesentliche politische Kr\u00e4fte starke eurozentrische Z\u00fcge h\u00e4tten annehmen m\u00fcssen. Aber nicht nur das: Auch ideell schien die helvetische Kleinstaaterei angesichts des Umstands, dass man den Nationalismus in Europa hinter sich gelassen zu haben schien, als veraltetes Gedankenmodell. \u00dcberstaatlichkeit, Grenzen sprengen, wurde zur Lokomotive des Zeitgeists. Nun, da dieser grosse monistische Versuch in Europa zum Stillstand gekommen ist, relativiert sich diese Sichtweise zusehends.<\/p>\n<p><em><strong>Ist dieser \u201egrosse monistische Versuch\u201c tats\u00e4chlich zum Stillstand gekommen?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja, er ist zum Stillstand gekommen, denn er ist faktisch gescheitert. Es gibt innerhalb der EU bereits eine Eurozone und den Rest der Mitgliedsl\u00e4nder, die auf die Einheitsw\u00e4hrung verzichten. Die Governance wird immer unterschiedlicher. In der Euro-Zone herrschen mehr und mehr technokratische Direktorien, die \u00fcber die Rettungsschirme (EFSF, ESM) installiert wurden, sowie die Europ\u00e4ische Zentralbank als eine Art ultimativer Garantin f\u00fcr alles, was diese Direktorien anstellen. Den Rest der EU betrifft das nicht oder nur am Rande. So sind die Fakten. Ob diese Faktenlage in den K\u00f6pfen angekommen ist, ist eine andere Frage.<\/p>\n<p><em><strong>In Ihrem Buch \u201eStadtstaat \u2013 Utopie oder realistisches Modell\u201c, das bereits vor einigen Jahren erschienen ist, sprechen Sie von einer \u201eintelligenten Verzahnung\u201c der Schweiz mit der EU. Was verstehen Sie unter \u201eintelligenter Verzahnung\u201c?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die \u201eintelligente Verzahnung\u201c entspricht dem Versuch des Klassenersten, seine komplement\u00e4ren Vorteile ins Spiel zu bringen. Sie stellt aber auch eine sehr aufwendige Methode dar, denn man muss dauernd darauf bedacht sein, einerseits allen genug zu geben, ohne ihnen andererseits einen Grund zu liefern, sich mit den anderen zu verbinden und mehr zu erpressen. Die Methode setzt mithin voraus, dass alle unn\u00f6tigen Abh\u00e4ngigkeiten des Klassenersten laufend eliminiert werden beziehungsweise dass der Unangreifbarkeit des eigenen Verhaltens h\u00f6chste Priorit\u00e4t zukommt. Der Klassenprimus sollte nicht um seine Kollegen froh sein m\u00fcssen, er darf nicht deren Sklave werden. Am besten gestellt ist er, wenn er notfalls doch noch von der \u00abGrosse-Bruder-Strategie\u00bb Gebrauch machen k\u00f6nnte, sich also an die USA und die Nato anlehnen kann.<\/p>\n<p><em><strong>Sind die wirtschaftlichen und auch politischen Entwicklungen in der EU ein Grund zur Sorge f\u00fcr die Schweiz?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Weder die Einheitsw\u00e4hrung noch die Personenfreiz\u00fcgigkeit noch der ausdr\u00fcckliche Verzicht auf verschiedene Integrationsgeschwindigkeiten bzw. -vertiefungen sind heute f\u00fcr den n\u00fcchternen Europ\u00e4er mehr sakrosankt. Angesichts des offensichtlichen konstitutionellen Versagens auf mehreren Ebenen sind wir heute einem \u201eAnything goes\u201c n\u00e4her als je zuvor. F\u00fcr den Kleinstaat Schweiz ist das Chance und Gefahr zugleich. Chance insofern, als sich nunmehr erneut die Gelegenheit ergibt, als europ\u00e4isches Kernland zur Zukunft des Kontinents beizutragen. Wohlstand, Rechtsstaatlichkeit, eine (trotz rekordhohem Ausl\u00e4nderanteil!) funktionierende Zivilgesellschaft, Arbeitswille, Demokratie, innerstaatliche Toleranz \u2013 die Schweiz ist in vielerlei Hinsicht Modell. Es w\u00e4re t\u00f6richt, diesen \u00fcber Jahrhunderte aufgebauten helvetischen Aquis aufzugeben zugunsten eines europ\u00e4ischen Aquis communautaire, der sich in verschiedenster Hinsicht nicht bew\u00e4hrt hat und nun der tiefgreifenden Reform bedarf \u2013 oder bei Reformunf\u00e4higkeit zum Ausl\u00f6ser einer europ\u00e4ischen Implosion wird. Die Schweiz darf, ja muss sich zu Wort melden. Sie muss ihren Aquis als mindestens gleichwertig dem europ\u00e4ischen gegen\u00fcberstellen.<\/p>\n<p><em><strong>Und wo sehen Sie die Gefahr?<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die Gefahr liegt in einer allzu akkommodativen Aussen- und Aussenwirtschaftpolitik der Schweiz gegen\u00fcber Br\u00fcssel. In Bern existiert eine versteckte Agenda, die den \u201eEU-Beitritt trotz allem und wider Willen\u201c verfolgt. Dies teilweise aus \u2013 durchaus wohlgemeinten \u2013 technokratisch motivierten Gr\u00fcnden, teilweise, weil sich manche Parlamentarier, manche Chefbeamte insgeheim nach einer Bedeutungssteigerung ihrer Position auf europ\u00e4ischer Ebene sehnen. Weg vom l\u00e4stigen, direktdemokratisch bewehrten B\u00fcrger, hinein in das Elysium der B\u00fcrgerferne Br\u00fcssels. So funktioniert Public Choice nun einmal: Wo ein h\u00f6herer diskretion\u00e4rer Spielraum winkt, wird dessen Besitz angestrebt. Dagegen kann nur ein explizit ge\u00e4usserter politischer Wille wirken.<\/p>\n<p><em><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch, Herr Hummler.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>*****<\/p>\n<p>Am Mittwoch, 28. Juni 2017, 11.30 Uhr, veranstaltet die Progress Foundation im Hotel Widder, Z\u00fcrich, eine Buch-Vernissage: <a href=\"https:\/\/pf.annen.ch\/veranstaltungen\/economic-conferences-und-andere-anlaesse\/kleinstaat-schweiz-auslauf-oder-erfolgsmodell\/\">\u00abKleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell?\u00bb<\/a> \u2013 Anmeldungen sind hier m\u00f6glich: info@m1ag.ch<\/p>\n<p>Das Interview wurde im Mai 2017 per Email gef\u00fchrt. Die Fragen stellte Andreas Marquart.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<p>Konrad Hummler (*1953) wuchs in einem f\u00fcr Politik und Kultur sehr offenen Elternhaus in St. Gallen (Schweiz) auf. Er studierte an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich Jurisprudenz und auf Einladung des Monetaristen Karl Brunner in Rochester (N.Y.) \u00d6konomie. Nach der Dissertation \u00fcber ein Thema der Rechtsinformatik trat er in den pers\u00f6nlichen Stab des damaligen Verwaltungsratspr\u00e4sidenten der Schweizerischen Bankgesellschaft, Dr. Robert Holzach, ein. Ab 1991 war er bei der St. Galler Privatbank Wegelin als unbeschr\u00e4nkt haftender, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Teilhaber t\u00e4tig. Innert zwanzig Jahren erfolgte ein beispielloser Aufbau des Verm\u00f6gensverwaltungsgesch\u00e4ftes; Wegelin verf\u00fcgte Ende 2011 \u00fcber 14 Niederlassungen in der ganzen Schweiz und bewirtschaftete mit \u00fcber 700 Mitarbeitenden Kundenverm\u00f6gen von etwa 24 Milliarden Franken. Aufgrund einer krisenhaften Entwicklung in den Auseinandersetzungen zwischen den USA und der Schweiz in Steuerfragen entschlossen sich die Wegelin-Teilhaber anfangs 2012 dazu, den Grossteil ihres Gesch\u00e4ftes an die Raiffeisen-Gruppe zu verkaufen, um damit Arbeitspl\u00e4tze zu erhalten und die Kundenverm\u00f6gen zu sch\u00fctzen. Nach dieser Z\u00e4sur erfolgte ein Neubeginn in Form der M1 AG, eines privaten Thinktanks f\u00fcr strategische Zeitfragen. Mit der Publikation \u201ebergsicht\u201c verschafft sich Konrad Hummler alle zwei Monate Geh\u00f6r. Sein unternehmerischer Rat ist im In- und Ausland gefragt.<\/p>\n<\/div>\n<p>Hinweis: Die Inhalte der Beitr\u00e4ge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Ludwig von Mises Institut Deutschland wieder.<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.misesde.org\/2017\/06\/kleinstaat-schweiz-\u2013-auslauf-oder-erfolgsmodell\/\">https:\/\/www.misesde.org\/2017\/06\/kleinstaat-schweiz-\u2013-auslauf-oder-erfolgsmodell\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Konrad Hummler zum neu erschienenen Buch \u201eKleinstaat Schweiz \u2013 Auslauf- oder Erfolgsmodell?\u201c, bei dem er gemeinsam mit Franz Jaeger Herausgeber und Mitautor ist. 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