{"id":9143,"date":"2023-05-16T08:44:03","date_gmt":"2023-05-16T06:44:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.progress-foundation.ch\/?p=9143"},"modified":"2023-05-22T09:27:44","modified_gmt":"2023-05-22T07:27:44","slug":"preisstabilitaet-heisst-preisstabilitaet-und-sicher-nicht-4-prozent-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2023\/05\/16\/preisstabilitaet-heisst-preisstabilitaet-und-sicher-nicht-4-prozent-inflation\/","title":{"rendered":"Preisstabilit\u00e4t heisst Preisstabilit\u00e4t \u2013 und sicher nicht 4 Prozent Inflation"},"content":{"rendered":"<p><strong style=\"font-size:125%\">Wer, wenn er realistisch gesetzte Ziele verfehlt, die Ziele anpasst, macht sich und anderen etwas vor. Leider besteht derzeit in der Geldpolitik eine Tendenz in diese Richtung. Es w\u00e4re f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Notenbanken verheerend, wenn sich dieser Trend durchsetzen w\u00fcrde.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gerhard Schwarz, Nzz.ch, 02.05.2023<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_9144\" aria-describedby=\"caption-attachment-9144\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920-1024x589.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"589\" class=\"size-large wp-image-9144\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920-1024x589.jpg 1024w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920-300x173.jpg 300w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920-768x442.jpg 768w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920-1536x883.jpg 1536w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shopping-gda8313d15_1920.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9144\" class=\"wp-caption-text\">Die hohe Teuerung sinkt wieder etwas. Aber die Notenbanken sollten sich nicht zu schnell zufriedengeben. Bei 4 Prozent Teuerung kann man mit dem gleichen Geld alle 18 Jahre nur noch halb so viel in den Einkaufskorb legen.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Eigentlich sollte klar sein: Preisstabilit\u00e4t bedeutet stabile Preise. Das durchschnittliche Preisniveau sollte sich nicht erh\u00f6hen, nicht um 1 Prozent, nicht um 2 Prozent und schon gar nicht um mehr als das. Doch in der Realit\u00e4t ist alles komplizierter.<\/p>\n<p>Was Neuseelands Notenbank Ende der 1980er Jahre als Experiment einf\u00fchrte, als die Inflation im Land auf \u00fcber 7 Prozent stieg, n\u00e4mlich ein Inflationsziel von 2 Prozent, hat sich inzwischen international als Zauberformel etabliert \u2013 wenn auch mit Nuancen.<\/p>\n<p>Am rigorosesten ist noch die Schweizerische Nationalbank (SNB) geblieben, die zum Gl\u00fcck an ihrer erfolgreichen Definition festh\u00e4lt, dass Preisstabilit\u00e4t herrscht, wenn das durchschnittliche Konsumentenpreisniveau um weniger als um 2 Prozent pro Jahr steigt (und nicht anhaltend sinkt). Die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) hatte lange ein Inflationsziel von unter, aber nahe 2 Prozent anvisiert. Raten von \u00abnur\u00bb 1 Prozent oder darunter gefielen ihr nicht.<\/p>\n<p>Neuerdings ist die EZB sogar wie die amerikanische Geldbeh\u00f6rde, das Fed, auf ein mittelfristiges Inflationsziel eingeschwenkt. 2 Prozent sind keine Obergrenze mehr, sondern das Ziel im Durchschnitt mehrerer Jahre. In einzelnen Jahren kann der Preisauftrieb dar\u00fcber- oder darunterliegen.<\/p>\n<p>Diese symmetrische Interpretation des Inflationsziels stellt eine versteckte Aufweichung der Geldpolitik dar. Die Bev\u00f6lkerung soll es nicht so richtig merken. In der Schweiz haben die \u00d6konomen Stefan Gerlach, Yvan Lengwiler und Charles Wyplosz vor gut zwei Jahren eine solche Kurskorrektur angemahnt. Neuer und dreister sind Bestrebungen, das Versagen in der Inflationsbek\u00e4mpfung einfach wegzudefinieren, indem man das Inflationsziel auf 3 Prozent oder sogar 4 Prozent erh\u00f6ht.<\/p>\n<p>K\u00e4me das zustande, k\u00f6nnten die Zentralbanken trotz 4 Prozent Inflation keck behaupten, sie h\u00e4tten ihren Auftrag erf\u00fcllt, obwohl sich bei einer solchen Rate der Wert der Geldverm\u00f6gen alle 18 Jahre halbiert, statt nur alle 36 Jahre, wie bei 2 Prozent Inflation. Die keynesianischen Professoren Olivier Blanchard und Paul Krugman argumentieren seit l\u00e4ngerem in diese Richtung.<\/p>\n<p>Doch die an sich schon wackligen Argumente f\u00fcr 2 Prozent statt 0 Prozent Preisauftrieb taugen nicht zur Begr\u00fcndung einer Erh\u00f6hung des Inflationsziels auf 4 Prozent. Am ehesten hat noch die These etwas f\u00fcr sich, Preisanstiege seien oft gar keine Inflation, sondern reflektierten technische Verbesserungen, so dass einen auch Raten \u00fcber 2 Prozent nicht beunruhigen m\u00fcssten.<\/p>\n<p>Dagegen ist die Behauptung, nur zu viel Inflation sei schlecht, w\u00e4hrend ein bisschen Inflation die Wirtschaft belebe und zum Konsum anrege, ein Einfallstor f\u00fcr mangelnde geldpolitische Disziplin. Das gilt auch f\u00fcr das gelegentlich zu h\u00f6rende Argument, man k\u00f6nne mit etwas Inflation Sparerinnen und Sparern eher einen Nominalzins zahlen. Abgesehen davon, dass das Argument ohnehin eher skurril ist, ruft es jedenfalls nicht nach einer Inflation von 4 Prozent. Und genauso gilt das mit Blick auf den Spielraum nach unten, den man angeblich brauche, um notfalls mit niedrigen Zinsen die Konjunktur beleben zu k\u00f6nnen. 2 Prozent gen\u00fcgen als Sicherheitsabstand v\u00f6llig.<\/p>\n<p>Der entscheidende Grund, weswegen man jeder offenen oder versteckten Anpassung der Inflationsziele entsagen sollte, ist der damit einhergehende Verlust an Glaubw\u00fcrdigkeit. Und Glaubw\u00fcrdigkeit ist das wichtigste Kapital von Banken \u2013 auch von Notenbanken.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<strong>Gerhard Schwarz<\/strong> war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Pr\u00e4sident der Progress Foundation.\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer, wenn er realistisch gesetzte Ziele verfehlt, die Ziele anpasst, macht sich und anderen etwas vor. Leider besteht derzeit in der Geldpolitik eine Tendenz in diese Richtung. Es w\u00e4re f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Notenbanken verheerend, wenn sich dieser Trend durchsetzen w\u00fcrde. Gerhard Schwarz, Nzz.ch, 02.05.2023 Eigentlich sollte klar sein: Preisstabilit\u00e4t bedeutet stabile Preise. 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