{"id":9778,"date":"2023-09-19T17:08:08","date_gmt":"2023-09-19T15:08:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.progress-foundation.ch\/?p=9778"},"modified":"2023-09-06T17:13:26","modified_gmt":"2023-09-06T15:13:26","slug":"zu-viel-vertrauen-in-zahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/pf.annen.ch\/en\/2023\/09\/19\/zu-viel-vertrauen-in-zahlen\/","title":{"rendered":"Zu viel Vertrauen in Zahlen"},"content":{"rendered":"<p><strong style=\"font-size:125%\">Empirische Ergebnisse werden in wirtschaftspolitischen Debatten oft f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen. H\u00e4ufig suggerieren die Zahlen allerdings eine Pr\u00e4zision, die sie nicht liefern. Trotzdem ist das Z\u00e4hlen und Messen nicht wertlos \u2013 n\u00e4mlich dann, wenn man es mit Demut betreibt und sich einige Einsichten vor Augen h\u00e4lt.<\/strong><\/p>\n<p><em>Gerhard Schwarz, Nzz.ch, 05.09.2023<\/em><\/p>\n<figure id=\"attachment_9779\" aria-describedby=\"caption-attachment-9779\" style=\"width: 960px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/vertrauen_in_zahlen.jpg\" alt=\"\" width=\"960\" height=\"640\" class=\"size-full wp-image-9779\" srcset=\"https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/vertrauen_in_zahlen.jpg 960w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/vertrauen_in_zahlen-300x200.jpg 300w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/vertrauen_in_zahlen-768x512.jpg 768w, https:\/\/pf.annen.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/vertrauen_in_zahlen-930x620.jpg 930w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9779\" class=\"wp-caption-text\">Viele den Menschen besonders wichtige Werte wie Gl\u00fcck, Freiheit oder Sicherheit lassen sich kaum quantitativ erfassen. Die \u00d6konomie von heute krankt wohl nicht an zu wenigen, sondern an zu vielen Zahlen und Statistiken.<br \/><\/figcaption><\/figure>\n<p>In wirtschaftspolitischen Debatten gelten empirische Ergebnisse oft als \u00abGoldw\u00e4hrung\u00bb. Zu wenige Menschen sind sich bewusst, dass viele dieser scheinbar hieb- und stichfesten und pr\u00e4zisen Resultate auf vielen Annahmen und Modellen beruhen, Pr\u00e4zision nur vorgaukeln und bestenfalls Ann\u00e4herungen an die Realit\u00e4t darstellen.<\/p>\n<p>In meiner letzten Kolumne habe ich gezeigt, dass die Welt gleicher geworden ist, wenn man sie nicht nur an den Einkommen misst, sondern an einer F\u00fclle von Kriterien wie Gesundheit, Bildung und politischer Teilhabe. In einigen kritischen Reaktionen wurde behauptet, man k\u00f6nne Gleichheit gar nicht messen, andere unterstellten mir zu grosse Zahlengl\u00e4ubigkeit. Beides ist falsch.<\/p>\n<h2>Gleichheit ist messbar<\/h2>\n<p>Zum einen: Gleichheit kann man messen, man muss aber sagen, welche Gleichheit man meint. F\u00fcr die Einkommensverteilung ist der Gini-Koeffizient das Standardmass. Er schwankt zwischen 0 und 1, den unrealistischen Polen absoluter Gleichverteilung, bei der alle Personen das gleiche Pro-Kopf-Einkommen erzielen, und absoluter Ungleichverteilung, bei der nur eine Person ein Einkommen erh\u00e4lt und alle anderen keines. Das Mass ist ein Konstrukt mit Schw\u00e4chen \u2013 allein \u00fcber den Einkommensbegriff k\u00f6nnte man lange streiten \u2013, aber eine gewisse Vorstellung kann es vermitteln.<\/p>\n<p>Zum anderen: Ziel des Beispiels, dass sich je nach Kriterium ein anderes Bild der Gleichheit ergibt, war es, mehr Skepsis gegen\u00fcber Zahlen anzumahnen, als sie Medien, Politik und Wissenschaft, die es besser wissen m\u00fcsste, praktizieren. Was in der \u00d6konomie als Empirie bezeichnet wird, ist meist nicht das Beobachten und Z\u00e4hlen eindeutiger Fakten, sondern basiert auf Modellen, Definitionen, Annahmen oder Umfragen. Man denke an all die Studien, in denen das Bruttoinlandprodukt (BIP) eine wesentliche Rolle spielt, und an die wirtschaftspolitischen Ziele, die an das BIP gekn\u00fcpft sind, etwa die Maastricht-Kriterien.<\/p>\n<h2>Der Durchschnitt ist oft wenig aussagekr\u00e4ftig<\/h2>\n<p>Trotzdem ist das Z\u00e4hlen und Messen nicht wertlos \u2013 n\u00e4mlich dann und nur dann, wenn man es mit grosser Demut betreibt und sich einige Einsichten vor Augen h\u00e4lt. Erstens lassen sich viele den Menschen besonders wichtige Werte wie Gl\u00fcck, Freiheit oder Sicherheit wegen ihrer Komplexit\u00e4t nur schwer quantitativ erfassen.<\/p>\n<p>Zweitens sagen die vielfach verwendeten Durchschnitte wenig \u00fcber die Spannbreite aus. Ob von zwei Personen eine 100 und die andere 0 oder die eine 51 und die andere 49 verdient \u2013 der Durchschnitt ist beide Male 50. Auch der Median, der eine Gruppe genau in der Mitte teilt, ist nicht aussagekr\u00e4ftiger.<\/p>\n<p>Drittens suggerieren die meisten Zahlen eine Pr\u00e4zision, die sie nicht liefern. Da wird gejammert, wenn ein R\u00fcckgang des BIP um 0,2 Prozentpunkte prognostiziert wird, und man reagiert darauf, wie wenn es ein naturwissenschaftlicher Wert w\u00e4re.<\/p>\n<h2>Besser ungef\u00e4hr richtig als pr\u00e4zise falsch<\/h2>\n<p>Viertens m\u00fcssten wegen der Unsicherheit der Zahlen die in der \u00d6konomie so beliebten Ranglisten mit viel mehr Vorsicht genossen werden, erst recht, wenn die Abst\u00e4nde klein sind. Vermutlich krankt die \u00d6konomie heute im Gegensatz zu fr\u00fcher nicht an zu wenigen, sondern an zu vielen Zahlen und Statistiken. Dadurch ist, zumal an den Finanzm\u00e4rkten, aber auch in der Wirtschaftspolitik, zu viel Vertrauen gegen\u00fcber Modellen und Zahlen entstanden.<\/p>\n<p>Deshalb w\u00e4re, f\u00fcnftens, John Maynard Keynes\u2019 ber\u00fchmtes Diktum die wichtigste Einsicht: Man handelt besser \u00abroughly right than precisely wrong\u00bb und \u00fcbertreibt es nicht mit der Zahlengl\u00e4ubigkeit.<\/p>\n<div class=\"wc-shortcodes-box wc-shortcodes-item wc-shortcodes-content wc-shortcodes-clearfix wc-shortcodes-box-secondary \" style=\"text-align:left;\">\n<strong>Gerhard Schwarz<\/strong> war Leiter der NZZ-Wirtschaftsredaktion und ist heute Pr\u00e4sident der Progress Foundation.\n<\/div>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/zu-viel-vertrauen-in-zahlen-ld.1754642\">https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/zu-viel-vertrauen-in-zahlen-ld.1754642<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Empirische Ergebnisse werden in wirtschaftspolitischen Debatten oft f\u00fcr bare M\u00fcnze genommen. 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